Jakob Wittgenstein`sche Altersversorgungsanstalt


(Stiftungswesen, NS-Euthanasie)

Jokob-Wittgenstein-Stiftung

           Jakob Wittgenstein`sche Altersversorgungsanstalt (Altersheim) 1912, Enser Straße 10

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts kam der Urgroßvater Jacob Wittgensteins aus Laasphe (Wittgensteiner Land) nach Korbach. Er brachte es schnell zu Wohlstand. Sein Sohn, Moses Meier, wurde sogar wirtschaftlicher Berater (Hoffaktor) des Fürsten Wittgenstein.

Es wird berichtet, dass Moses Meier, als er zur Annahme eines Familiennamen verpflichtet wurde, den Namen seines Dienstherrn auswählte. Erzürnt darüber, bedachte Fürst Wittgenstein ihn zur Strafe mit Stockhieben. Moses` Sohn Simson erlangte als zweiter Jude 1849 das Korbacher Bürgerrecht und war ein angesehener Patrizier.

Auffallend ist vor allem die Mildtätigkeit vieler jüdischer Familien. Bereits Moses Meier (die Nachkommen nannten sich Wittgenstein) stiftete 1821 eine beträchtliche Summe für Ortsarme.

1857 stockte der Enkel Jacob Wittgenstein die von seinem Großvater 1821 zum Wohl der Ortsarmen ins Leben gerufene Stiftung auf und errichtete 1884 die nach seinen Eltern benannte „Simson und Rebecca Wittgenstein Stiftung“ für hilfsbedürftige Schüler des Landesgymnasiums (heute Alte Landesschule). Er spendete auch zugunsten des hiesigen Krankenhauses, Hospitals und der Klein-kinderschule.

Jacob Wittgenstein wurde am 1. April 1819 in Korbach geboren. Die Eltern führten in Korbach ein Woll- und Lederwarengeschäft, zeitweilig auch eine Branntweindestillerie. Wie vorher sein älterer Bruder Marcus besuchte auch Jacob Wittgenstein das „Fürstlich-Waldeckische Landesgymnasium“ (1826-1834).

Ein Beweis seiner Integration war seine Kandidatur für die Demokratische Partei. Nach der Revolution 1848 wurde er zum Abgeordneten gewählt. Darüber hinaus war er Gründungsmitglied und Schriftführer des Korbacher Bürgervereins. 1851 erwarb er zudem das Korbacher Bürgerrecht. Sieben Jahre später zog er nach Berlin, wo er es vorwiegend durch Grundstücksgeschäfte zu ansehnlichem Vermögen brachte.

Privat hatte er weniger Glück. Seine Ehe scheiterte und seine einzige Tochter verstarb bereits im Kindesalter. Außerdem litt er an einer zunehmenden Erblindung. Kinderlos schied er 1890 freiwillig aus dem Leben. Erbe wurde die Stadt Korbach, die er bereits fünf Jahre vor seinem Tod als Universalerbin eingesetzt hatte.

Wittgenstein Portrait groß

 

 

Aus diesen Mitteln entstand die interkonfessionelle „Jacob Wittgenstein`sche Altersversorgungsanstalt“ (Vermögen in Höhe von 572 000 Goldmark) für mittellose, alte Menschen,  die den Etat der Stadt Korbach bis in die Weimarer Zeit spürbar entlastete.


Jacob Wittgenstein (1819-1890)

Der Bau des Altersheimes wurde 1894 vollendet (Baubeginn 1892). Während die Bewohner des angrenzenden „Hospitals“/ Altersheims, Enser Straße 9, ihren Platz selbst finanzieren mussten, kamen Bedürftige bis 1923 (Inflation) in der „Wittgenstein-Stiftung“ unentgeltlich unter. Das Heim hatte zunächst rund 20, nach dem Zweiten Weltkrieg bis zu 80 Plätze.

An der skeptischen Einstellung gegenüber dem Judentum änderte dieses Engagement nur wenig, wenngleich sich Antipathie oder latenter Antisemitismus vornehmlich auf  religiöses Anderssein, wirtschaftliche Konkurrenz und Ärger über schlechte Preise jüdischer Händler erstreckte.

Das „Dritte Reich“ stellte eine radikale Zäsur dar. Die Wittgenstein-Stiftung wurde während dieser Zeit nicht nur ihrer Herkunft, sondern auch ihrer Zweckbestimmung beraubt. 1933 trat bereits eine Änderung in der Führung ein. Der Korbacher NSDAP-Ortsgruppenleiter Casselmann trat in den Vorstand ein. Der jüdische Gründername wurde entfernt, Juden bzw. Nichtariern wurde offiziell die Aufnahme verwehrt. Im Verwaltungsbericht der Stadt Korbach findet sich für das Jahr 1936 nur noch die Bezeichnung „Städtische Altersversorgungsanstalt“. Erst mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges erhielt die Stiftung ihren ursprünglichen Namen zurück.

Der damalige Bürgermeister Dr. Paul Zimmermann, viele Jahre Vorstandsmitglied und Förderer der Einrichtung, unterlief jedoch nationalsozialistisches Ansinnen, indem er entgegen entsprechender Bestimmungen jüdische Bürger aufnahm. Wie schwierig und bedrohlich dies in einem repressiven Terrorstaat sein konnte, ist hinlänglich bekannt.

Casselmann

Dr. Paul Zimmermann in geliehener Uniform (rechts) neben NSDAP- Ortsgruppenleiter Casselmann (links)

 

 

 

 

 

Trotz entsprechender Direktiven befanden sich Johanna Feldhein († 1939), Adolf Löwenstern († 27.04.1940), Rosa[lie] Löwenstein und ihr Sohn Siegfried (geb. 1899) in der „Altersversorgungsanstalt“.

Kurz vor der Deportation wurden Rosalie und Siegfried Löwenstein wie so viele andere Korbacher Juden in so genannten „Judenhäuser“ interniert (z.B. Grabenstr. 3 oder Kirchstr. 13). Zentral erfasst, ließen sie sich leichter in die Konzentrations- und Vernichtungslager abtransportieren. Im Juli 1942 wurden auch sie gezwungen, Korbach zu verlassen. Ihre Spuren verlieren sich in den Konzentrationslagern von Theresienstadt und Treblinka.

Lapidar erwähnt Bürgermeister Dr. Zimmermann im Verwaltungsbericht von 1934: „2 Insassen [der Altersversorgungsanstalt] wurden auf ärztliche Anweisung der Anstalt in Merxhausen überwiesen, ein Insasse wurde nach Breitenau eingeliefert, ein anderer durch polizeiliche Maßnahme entlassen.“

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Jakob Wittgenstein`sche Altersversorgungsanstalt heute


Wer der Insasse war, der nach Breitenau (Guxhagen) kam, lässt sich nicht rekonstruieren, sicher ist aber, dass es sich um  eines der ersten Konzentrationslager des nationalsozialistischen Gewaltapparates handelt, in dem ohne rechtliche Grundlage politische Gegner und sonstige „missliebige Personen“ eingesperrt wurden.

Die Errichtung des Konzentrationslagers stand im Zusammenhang mit reichsweiten Massenverhaftungen politischer Gegner und „missliebiger Personen“ zu Beginn der NS-Zeit. Unter den 470 Gefangenen des „frühen Konzentrationslagers“ Breitenau (1933/34) kamen allein 25 Personen aus dem heutigen Kreis Waldeck-Frankenberg,  vier aus Korbach.

Einen der widerwärtigsten Akte deutscher Geschichte stellt die Vernichtung so genannten „unwerten Lebens“ dar. Die ideologische Grundlage war in der Rassenlehre und Eugenik (Erbgesundheitslehre) begründet. Führende „Theoretiker“ lieferten bereitwillig die „wissen-schaftliche“ Legitimation für die Ermordung von Behinderten, Kranken oder Alkoholikern. Doch erst im Schatten des Krieges wurde die Realisierung grausamer Ernst.

Obwohl sich die Verantwortlichen des Reichsministeriums um Geheimhaltung bemühten, sickerten immer wieder Gerüchte an die Öffentlichkeit. Auf privatem Wege erfuhr auch Dr. Zimmermann, dass Patienten aus privaten und kommunalen Heil- und Pflegeanstalten in staatliche Anstalten überführt und dort „ermordet“ würden - ein Gedanke, der ihm entsetzlich erschien. Für den Bezirk Kassel sollte die Vernichtungsanstalt Hadamar bei Limburg zuständig sein. Und nun sollten Patienten von Korbach nach Hadamar überführt werden.

„In dem Altersheim waren alte Hilfsbedürftige untergebracht. Es wurden aber auch einige Geistesschwache betreut, darunter die 35 jähr. Elisabeth [...] und die 30 jähr. Anna [...].
Im Jahre 1941 ließ mich der Bürgermeister Dr. Zimmermann zu sich kommen. Er zeigte  mir einen Erlass des Reichsverteidigungskommissars Saukel. In diesem Erlass wurde die Verlegung der beiden oben genannten Frauen in eine Staatliche Anstalt angeordnet. Der Bürgermeister Dr.  Zimmermann erklärte mir [Diakon F. K. Klein]: „Ich habe gehört, dass die Geisteskranken, die dort hinkommen, liquidiert werden. Das ist ein Verbrechen, das ist Mord.
Ich bestätigte […] auch davon gehört zu haben, gelegentlich einer Erledigung bei der Fürsorgestelle der Regierung in Kassel. Wir beschlossen, die Absicht des Reichsverteidigungskommissars zu durchkreuzen, und die betreffenden Frauen zu retten.
Der Bürgermeister beauftragte mich nun, nach Kassel zum Landeshauptmann zu fahren, um mit dem betr. Wohlfahrtsdezernenten […] klar zu machen, dass die beiden Frauen garnicht als gefährlich geisteskrank oder geistesschwach gelten […]. Der Dezernent erklärte mir, […] es handele sich um ein strenges Dienstgeheimnis (geheime Reichssache) […] Wenn der Bürgermeister […] die Verantwortung dafür übernehme, dass die Frauen nicht geisteskrank seien, dann wolle er […] auf die Überführung der Frauen verzichten. Auf diese Weise wurden die beiden Frauen vor dem sicheren Tode gerettet.“

Dies blieb 1941 nicht der einzige Vorfall:

„Im Sommer desselben Jahres [1941] erschien im städtischen Altersheim des weiteren ein SS-Arzt, der weitere 12 Insassen der Anstalt zwecks Überführung nach Hadamar untersuchen wollte. Anstaltsleiter Klein (Diakon) erklärte kurzerhand, dass es sich bei der Liste wohl um einen Irrtum handeln müsse. Wenn überhaupt könne es sich um maximal zwei Personen handeln. Diakon Klein führte dem SS-Arzt daraufhin zwei Personen vor, die aber nur altersschwach und keinerlei geistige Probleme aufwiesen. Auf diese Weise wurde auch diese Aktion sabotiert.“

Durch menschliches und geistesgegenwärtiges Handeln konnten im städtischen Altersheim  vierzehn Menschenleben gerettet werden.

1984 wurden das Wittgenstein`sche Altersheim und das Hospital zusammengelegt und in einen Neubau am Nordwall verlagert. Heute befinden sich die Krankenhausverwaltung und ein Kindergarten in dem Gebäude. Sowohl ein Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof als auch eine Straße mit seinem Namen erinnern heute an den großen Sohn der Stadt.

Wittgenstein Gedenkstein

Gedenkstein der Stadt Korbach zur Ehren Jacob Wittgensteins auf dem jüdischen Friedhof

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Technische Realisierung: Anne Kersting