Juden lassen sich taufen bzw. verlassen die Jüdische Gemeinde

Angeblich soll der erste Jude in Korbach im Jahr 1665 getauft worden sein, worüber kein Nachweis geführt werden kann. Die nachweisbar erste Taufe war 1757, eine weitere 1771. Danach geht es erst 1807 weiter bis etwa Mitte des 19. Jahrhunderts. Weitere Austritte aus der jüdischen Gemeinde sind in den Jahren 1931/1932 verzeichnet, ohne das ein Eintritt in eine andere Religionsgemeinschaft erfolgte oder bekannt wurde. Ob die Taufe in früheren Jahren nun aus Überzeugung erfolgte oder ob wirtschaftliche Gründe und bessere Berufsaussichten maßgeblich waren, mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls entfielen mit der Taufe die zahlreichen Beschränkungen, denen in früheren Jahrhunderten die Juden unterlagen. Die Gründe für die in den Jahren 1931/32 erfolgten Austritte aus der jüdischen Gemeinde mögen ihre Ursache in dem aufkommenden Nationalsozialismus und damit des zunehmenden Antisemitismus gehabt haben.

Bei den Ermittlungen der Familiengeschichte der emigrierten Juden, (auch bei den vor Beginn der Judenverfolgung ausgewanderten) ergab sich in zahlreichen Fällen, daß die Emigranten bzw. deren Nachkommen heute christlichen Kirchen angehören.

Folgende Taufen sind auf Grund der "Seelenregister" bzw. der Kirchenbücher nachgewiesen:

  1. 30.05.1757 Baron d' Argilar, Friedrich Christian, kaiserlicher Agent aus Wien

    Taufzeugen:

    • Hofrat und Landrichter Speiermann
    • Hofrat und Commissar Waldeck
    • Rat und Amtmann Riße
    • Frau Obristleutnant von Wilmowski
    • Frau Hauptmann von Römer


  2. 1771 Der namentlich nicht benannte "alte Judeninformator".

  3. 28.10.1807 Simon, Christian Friedrich, (vormals Herz), Stud. med.

  4. 25.09.1808 Simon, Carl, (vormals Isaak)

  5. 11.10.1812 Simon, Heinrich August Christian (vormals Abraham), Student

  6. 26.09.1814 Simon, Joseph Ludwig, (vormals Joseph)

  7. Die von 3. - 6. Genannten waren Söhne des Hofjuden Salomon Sirnon und seiner Ehefrau ..... geb. Wittgenstein

  8. 22.07.1838 Wittgenstein, Luise Johanne Henriette * 26.05.1831 in Korbach

    Paten: Frau Rätin Johanna Gieseken
    Henriette Wittgenstein aus Bielefeld

  9. 22.07.1838 Wittgenstein, Emma Flora Caroline * 23.09.1833 in Korbach

    Paten: Frau Apothekerin Flora Engelhard
    Frau Apothekerin Caroline Krüger

  10. 22.07.1838 Wittgenstein, Max Adolph Georg Carl * 04.07.1836 in Korbach

    Paten: Apotheker Georg Engelhard Rat Adolph Gieseken Hofgerichtsprocurator Carl Frese





  11. Die von 7. - 9. aufgeführten Täuflinge waren Kinder der Eheleute Sirnon und Ida Wittgenstein geb. Wittgenstein.
    Die Eheleute ließen sich im Jahr 1840 in Bad Pyrmont taufen

  12. 1839 Wittgenstein, Hermann Christian, (vormals Herz), * 12.09.1802 in Korbach Sohn des Kaufmanns und Hoffaktors Moses Meier Wittgenstein und Brendel geb. Simon.

  13. Mosheim, Jacob Oberlehrer
    * 10.01.1859 in Korbach, Sohn der Eheleute
    Samuel Mosheim und Johanna Baer, gehörte bereits bei seiner Eheschließung mit Christiane Maria Theobald am 24.03.1894 der evangelischen Kirche an.
  14. Salberg, Anna geb. Gordon
    * 23.12.1878 in Elberfeld, Witwe des Kauf­ manns Siegmund Salberg, ist am 30.12.1931 aus der jüdischen Gemeinde ausgetreten.

  15. Salberg, Gertrud, * 07.03.1901 in Korbach, ledige Tochter von Frau Anna Salberg.

    Beide sind offenbar nicht in eine andere Religionsgemeinschaft eingetreten, denn sie wurden als "Dissidentinnen" (damalige Bezeichnung für Personen ohne Religionszu­ gehörigkeit) bezeichnet.

  16. Meyer, Louis, Lehrer
    * 18.02.1880 in Hildesheim, ist am 3.02.1932 aus der jüdischen Gemeinde aus­ getreten. Bei seinem Tod am 22.10.1967 in Köln gehörte er wieder der israelitischen Gemeinde an.

Soweit Taufzeugen vermerkt sind, kann man aus deren Ti­ teln oder Berufen ersehen, daß die Patenschaft durchweg von den Honoratioren der Stadt übernommen wurde. Es galt als besondere Ehre, einen zum Christentum bekehrten Ju­ den als Taufpate beizustehen.

Sehr interessant ist folgender Eintrag im Kirchenbuch der benachbarten Gemeinde Flechtdorf aus dem Jahr 1727.

"Den 9. p. Trinitatis d. 20. August 1727 sind allhier getauft "die beiden in der ehr. Religion unterrichteten Juden, nemlich ein Knab von 18 Jahren aus der Rhön/ 2 Meilen hinter Schmalkalden bürtig, und zu Taufzeugen erwählet Graf Henr. Georg v. Bergheim, der Herr Geheime Rath von Rauchbar, den Herrn Regierungsrath von Zerbst und Herrn Droste von Huysen, von welchem er bei der Tau­ fe benahmt wurde Ernst Godefried Christlieb. Und ein Mädchen von 17 Jahren, von Rotzfeld ahnweit Würzburg, welche zu ihren Taufzeugen erbethen die Frau Regierungs Räthin Severin, die Frau Superint. Rishen, die Frau Bürgermeisterin Wiegand von Corbach, die Frau Räthin Kleinschmidt von Mengeringha sen, von welchen sie den Nahmen Christiana bekommen. Welche beyde nach dem Taufactu sobald copuliert wurden."

Es ist nicht bekannt, wie das junge Paar nach Flechtdorf kam und wo es später geblieben ist.









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