Textilgeschäft Markhoff

(Boykott jüdischer Geschäfte)

 

Die Familie Markhoff (ehemals Marcus) gehört zu den ältesten jüdischen Familien in Korbach, die bereits 1849 das Korbacher Bürgerrecht erhielt. Die Familie betrieb zunächst über Generationen das Färberhandwerk. Später spezialisierte sie sich auf den Textilhandel.

Im Jahre 1911 verlegte der Kaufmann Jacob Markhoff sein Textilgeschäft, das seit 1838 bestand, in den am Berndorfer Tor 4 (heute Manhenke) errichteten Neubau.

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Geschäftsschild Markhoff (links), Berndorfer Tor 4, ab 1933 Adolf-Hitler-Platz
01.05.1933, NS-Parteigliederungen beim Umzug zum 1. Mai

Das Beispiel der Familie Markhoff zeigt, wie Korbacher Juden in die Bürgerschaft integriert waren. Bei der Kommunalwahl 1909 wurde Jacob Markhoff in den Gemeinderat gewählt. Ferner war er Vorsteher der jüdischen Gemeinde.
Sein Sohn Sally besuchte das Fürstliche Landesgymnasium in Korbach (heute „Alte Landesschule“), studierte Architektur in Darmstadt und übernahm nach einer kaufmännischen Ausbildung den väterlichen Betrieb. Er baute das Konfektionshaus Markhoff zu einem führenden Textilgeschäft aus, das regionale Bedeutung erlangte.

Markhoff Sally mit Mutter Johanna

 

Sally Markhoff
mit  seiner Mutter Johanna,
geb. Adler

 

 

 

 

   

 

Anzeige Markhoff Geschäft

Der Textilhandel bildete im Wirtschaftsleben der Kor-bacher Juden eine besondere Bedeutung, die historisch bedingt war. Das Schneider-handwerk gehörte zu den wenigen Zünften, die Juden früh offen stand. Auch der fliegende Handel und Verkauf von gebrauchten Kleidern auf Märkten erwies sich als lukrativ. Daraus erwuchs später der Textilhandel in Ladengeschäften.

 

Geschäftsanzeige von 1932

 

 

 

 

 

 

Förderlich war, dass sich jüdische Händler früh auf fabrikangefertigte günstigere Konfektionsware verlegten und daher der jüdische Textilhandel recht schnell expandierte.

Zur Zeit der Machtübernahme gab es gleich mehrere jüdisch geführte Textilgeschäfte in Korbach (Markhoff, Weitzenkorn, Löwenstern, Nussbaum, Stahl). Eisenwaren-, Baustoff-, Vieh-, Pferde-, Tabak-, Manufaktur-, Schuh-, Getreide- und Düngemittelhandel, neben Hut-macherei u.a. verweisen auf umfangreiche Handelstätigkeiten.

Gerade nichtjüdische Inhaber kleinerer, wenig konkurrenzfähiger Läden waren über die jüdischen Geschäfte verärgert, die überregional Kunden mit ihrem reichhaltigen Warensortiment anlockten.

Unmittelbar nach der Machtübernahme versuchten die Nationalsozialisten, Juden ihrer wirtschaftlichen Grundlage zu berauben. Sie setzten dafür das Mittel des Boykotts ein. Der Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933 kam sicherlich manchem Konkurrenten nicht ungelegen.

Wie überall im Reich rief die NSDAP Ende März zu Maßnahmen gegen eine angebliche „jüdische Gräuelhetze“ auf, die mit einem Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April geahndet werden sollte.

Im Vorfeld dieser Ereignisse wurden landesweit Flugblätter verteilt. Dieser Boykott markiert eine neue Dimension im Umgang mit jüdischen Mitbürgern.

Besonders massiv war das Kaufhaus Markhoff in der Korbacher Innenstadt betroffen, da dem Inhaber unbewiesener Weise 1932 vorgeworfen wurde, mit Kommunisten „paktiert“ zu haben, die an der Wildunger Landstraße auf die hiesige SA einen Steinhagel niederregnen ließen.

So zogen am Sonnabend, dem 1. April 1933, „punkt“ 10 Uhr, SA-Posten vor Korbacher jüdischen Geschäften auf. Bereits in der Nacht hatte man Schaufenster jüdischer und vereinzelt auch anderer Geschäfte mit weißer Farbe beschmiert, die zum Teil Inschriften und Karikaturen trugen.

Die Korbacher Sturmabteilung erhielt Unterstützung vom „Uplandsturm“ (SA-Sturm 2/30). Die Waldeckische Landes=Zeitung berichtete am 03.04.1933 über die Boykottmaßnahmen:

 

Boykozz-WLZ-3

Boykott-jüdischer-Geschäfte

SA-Männer mit Transparenten vorm Kaufhaus Markhoff, 01.04.1933

Die Boykottmaßnahmen zeigten nicht den gewünschten Erfolg, da die Nationalsozialisten wohl außer Acht ließen, dass orthodoxe Juden am Sabbat (Freitag- bis Samstagabend), ihrem Feier- und Ruhetag, die Geschäfte geschlossen hielten.

Weitere Boykottmaßnahmen bestärkten Sally Markhoff sicherlich darin, sein Geschäft zum 31.01.1934 aufzugeben. Im Juni 1935 verließ die Familie Markhoff Korbach und zog nach Berlin. Haus und Geschäft wurden 1936 von der Firma Karl Manhenke erworben, die das Geschäft bereits seit 1933 gepachtet hatten.

Markhoff Haus 29er

Am Berndorfer Tor 4, Aufnahme entstand vermutlich Anfang der 20er Jahre. 1911 verlegte Jakob Markhoff sein Geschäft von der Stechbahn 20 in den am Berndorfer Tor errichteten Neubau.

Einigen Zeitzeugen berichten, dass zumindest in den ersten Jahren nach der Machtübernahme trotz verstärkter Propaganda und nationalsozialistischer Drohgebärden noch viele Korbacher Bürger bei Juden kauften und Kontakte zu jüdischen Bürgern pflegten.

Da sie in Deutschland keine Perspektive mehr sahen, emigrierte die Familie Markhoff  nach Palästina, wo Sally Markhoff führend am Aufbau der Siedlung Kfar Smaryaha in der Sarons-Ebene mitwirkte.

 

 

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