Evangelisches Gemeindehaus/alte Stadthalle


(Instrumentalisierung christlicher und öffentlicher Einrichtungen)

 

1905 wurde auf Initiative Karl Wiegands (Direktor des Korbacher Kornhauses) und Wilhelm Demandts (Pfarrer der Nordstadt) „Im Gänsewinkel 3“ (heute Postraße) das so genannte „Blaukreuzhaus“ – zur Bekämpfung der Trunksucht in Korbach und Umgebung – errichtet. Das Blaukreuzhaus war ein dreistöckiges Backsteingebäude, in dessen Erdgeschoss sich ein etwa 500 Personen fassender Saal mit Bühne und ein kleiner, mit dem Saal verbundener Versamm-lungsraum befanden. Die oberen Stockwerke wurden als Wohnungen vermietet.

Blauekreuzhaus hell

Das Blaukreuzhaus wurde 1927 von der evangelischen Kirchengemeinde erworben. 1942 kaufte die Stadt Korbach das Gebäude und nutzte es als Stadthalle.

Das Evangelische Gemeindehaus, später den meisten eher unter der Bezeichnung „alte Stadthalle“ bekannt, avancierte bereits 1932 zur öffentlichen Kulisse von NSDAP-Werbe- und Parteiveranstaltungen.

 

 

 

 

 

Das Blaukreuzhaus, später Evangelisches Gemeindehaus
und Stadthalle

 

Bis 1932 fanden die Parteiversammlungen der NSDAP vor allem im „Goldenen Engel“ oder „Waldecker Hof“ statt. Dies änderte sich mit dem 12. März 1932, denn die Kirche öffnete ihren großen Gemeindesaal für Parteiveranstaltungen, der den Nationalsozialisten Massen-kundgebungen ermöglichte. Vorher mussten überfüllte Säle geräumt oder wegen Überfüllung geschlossen werden.

 „[November 1933] Sämtliche Korbacher Verbände und Vereine hatten im Einvernehmen mit der Ortsgruppe der NSDAP am Donnerstag, dem 2.d.M.[,] zu einer Wahlkundgebung im Ev. Gemeindehaus aufgerufen. Schon lange vor Beginn der Kundgebung waren die beiden Säle des Ev. Gemeindehauses bis auf den letzten Platz gefüllt. Ein großer Teil fand in den Fluren und Nebenräumen und auch teilweise vor dem Gemeindehaus im Freien noch einen Stehplatz. Etwa 1500 Volksgenossen waren erschienen, um ein Bekenntnis abzulegen zur Politik des Führers und der Regierung. Die Reden wurden durch eine Großlautsprecheranlage fast auf das ganze Stadtbild übertragen.“

08.02.1933: „Große NSDAP-Massenkundgebung“ im Evangelischen Gemeindehaus. Es sprach der Vorsitzende des Preußischen Landtags Parteigenosse Paul Hinkler aus Berlin zum Thema „Deutschlands Wiederaufstieg“, Waldeckische Landes-Zeitung vom 24.02.1933.

Wahlkundgebungen, Übertragungen der Hitlerreden, Theateraufführungen, BDM (Bund Deutscher Mädel)-Elternabende, rassepolitische Propagandaveranstaltungen, Vorführungen von NS-Filmen, Konzerte, Feiern anlässlich von Hitlers Geburtstag, Fahnenweihen, „Waffenkundgebungen“ oder SA-Werbeabende sind nur einige Beispiele aus dem Veranstaltungsrepertoire der NSDAP, die in den 30er Jahren im Evangelischen Gemeindehaus stattfanden.

Evang

Anzeige, Waldeckische Landes=Zeitung vom 27.04.1932. Das Datum steht für eine frühe Instrumentalisierung kirchlicher Einrichtungen und ist Indiz früher Kooperation, weit vor der Machtübernahme, verstärktem NS-Terror  und dem allgemeinen Diktat der Gleichschaltung.

Besonders große Veranstaltungen  wurden vor der Reichstagswahl im März 1933 aufgezogen, so dass der Saal wegen Überfüllung geschlossen werden musste. Nur einmal verhinderte der „Christlich-Soziale-Volksdienst“ (protestantisch-konservative Partei, 1929 – 1933) die Herausgabe des Gemeindesaales, obwohl Unterschriften für die Freigabe von Gemeindemitgliedern gesammelt waren.

Der Kirchenvorstand blieb allerdings bei seiner ablehnenden Haltung. Er befürchtete während der Veranstaltung tätliche Übergriffe und Verletzungen.

Das Evangelische Gemeindehaus fungierte viele Jahre als Kulisse eines antidemokratischen, menschenverachtenden, antisemitischen Systems. Bewusst oder unbewusst ließen sich Verantwortliche instrumentalisieren und machten sich damit zu Handlangern eines verbrecherischen Regimes. Sie boten für NS-Veranstaltungen eine entsprechende Plattform und leisteten damit der gesellschaftlichen und politischen Akzeptanz des Nationalsozialismus Vorschub.

Evang

Anzeige vom 27.02.1933, „SA.=Werbeabend“, Waldeckische Landes-Zeitung

 

Und das nicht erst seit der Machtübernahme vom 30.01.1933.

„Noch einmal wurden den Massen die Parole des Nationalsozialismus eingehämmert, und noch einmal sammelten sie sich in einer eindrucksvollen Massen-Kundgebung am Abend des 12. März [1932] im großen Saal des Evgl. Gemeindehauses. Zum ersten Male hatte sich dieser Saal den politischen Parteien geöffnet, aber nur die NSDAP war in der Lage, ihn zu füllen, und auch nur sie hat ihn späterhin in Anspruch genommen. Mit begeisternden Worten verstand es der damalige Bezirksleiter Pg. [Parteigenosse] Etzel-[aus]Fulda, die Zuhörer von der Richtigkeit der nationalsozialistischen Wahlparole zu überzeugen. Es konnte nur eins geben: "Alles wählt Hitler!"

Das war nicht die einzige Wahlkundgebung der NSDAP, die 1932 im Evangelischen Gemeindehaus stattfand. Gesellschaftsfähige Akzeptanz unterstrich Pfarrer, NSDAP-Mitglied und Propagandist Wessel (aus Oberlistingen), der am 8.4.1932 zum Thema „Hitlers Kampf“ im Evangelische Gemeindehaus sprach. Im Oktober 1937 konnte der große Saal des Evangelischen Gemeindehauses die „Parteigenossen“ der NSDAP nicht mehr fassen, denn über 500 Parteianwärter waren nach Aufhebung der Parteieintrittssperre 1937 zur NSDAP-Ortsgruppe dazugestoßen. Erstmalig wurde die Gesamtzahl von 1000 überschritten. Wenn man bedenkt, dass Korbach Ende 1937 nur über 7403 Einwohner verfügte, sind die Wucherungen straffer Organisation und politischer Agitation unübersehbar.

Karte 1937 Ev

Stadtplan von 1937, Teilansicht

 

"Corbach, 16. Juli [1940]. Gemeinschaftsnachmittag der NSF. Am Sonntagnachmittag fand im Evangelischen Gemeindehaus ein Gemeinschafsnachmittag der NS-Frauenschaft/Deutsches Frauenwerk statt. [...] Die Ortsfrauenschaftsleiterin Frau Fingerhut [...] gab einen kurzen Ueberblick über die politischen Ereignisse seit dem 9. April, Wochen die im Zeichen des Blitzkrieges in Norwegen, Holland, Belgien und Frankreich standen. Ein Gedichtvortrag leitete zur Ansprache der Gaufrauenschaftsleiterin Frau Steinbrück (Kassel) über. Die Rednerin kam auf die letzten 30 Jahre deutscher Geschichte zu sprechen. Immer mehr habe sich vor dem [Ersten] Weltkriege, insbesondere aber in der Nachkriegszeit das Parteienunwesen herausgebildet. Erst dem Führer[Hitler] blieb es vorbehalten, eine grundsätzliche Wandlung herbeizuführen. Die Parteien sind heute restlos zerschlagen. […] Das Wohl des einzelnen hat heute vor dem Wohl der gesamten Nation zurückzustehen.“

Propagandaveranstaltungen des rassepolitischen Amtes bildeten auch in Korbach ein wichtiges Medium der Manipulation und Ideologisierung breiter Bevölkerungsteile.

Evang

Anzeige „Rassepolitik im 3. Reich“ vom  3.03.1937, Waldeckische Landes-Zeitung

Während des Zweiten Weltkrieges wurde die Stadthalle in ein Lazarett umfunktioniert. In der Nachkriegszeit fanden hier dann u.a. Spruchkammerverhandlungen statt. Am Ende der 40er Jahre wurden hier auch die Internationalen Waldecker Laienspielwochen veranstaltet,  daher erhielt das alte Backsteingebäude im Volksmund scherzhaft die Bezeichnung „Kulturscheune“.

1973/74 wurden auf der Hauer ein neues Stadthallenzentrum errichtet und die alte Stadthalle abgerissen. Die Bundespostverwaltung errichtete auf dem Grundstück 1977/78 das heutige Postgebäude. Nichts erinnert heute noch an die wechselvolle Geschichte und Instrumentalisierung jenes alten Backsteingebäudes.

Copyright © Marion Lilienthal

Technische Realisierung: Anne Kersting