Kaufmannsfamilie Stahl

(Emigration)

Die Kaufmannsfamilie Stahl machte sich Anfang des 20. Jahrhunderts in Korbach selbständig. In ihrem 1910 gegründeten Textilgeschäft in der Bahnhofstraße verkauften sie Manufakturware,  Herren- u. Knaben - Konfektion sowie Arbeitsgarderobe.

1Das waren die Zeiten, als die Menschen sich noch häufig ihre Kleidung beim Schnei-dermeister anfertigen ließen und Garderobe sehr teuer war. Gleichzeitig hatten viele Juden auf Märkten oder als fliegende Händler mit gebrauchten Kleidern gehandelt. Aus diesen Tätigkeiten erwuchs nach 1870 der Handel mit Kleidern in Läden. Die Innovation dabei war, dass die Ware jetzt in Fabriken und daher günstiger hergestellt wurde, „Konfektionsware“ genannt. Jüdische Kaufleute waren auf diesem Gebiet führend.

Siegmund Stahl wurde am 27. März 1881 in Gilserberg geboren. Er war zunächst Handelsgehilfe in der Firma Markhoff, die einer einflussreichen jüdischen Korbacher Kaufmannsfamilie gehörte.

Für Siegmund Stahl wurde das Jahr 1910 zu einem Wendepunkt in seinem Leben. Im April 1910 machte er sich selbständig und eröffnete zunächst in der Bahnhofstraße 7 ein Textilgeschäft (Modehaus, Manufakturwaren). Im Juli heiratete er die Kaufmannstochter Nanny Neubürger aus Battenberg. 1913 kamen die Tochter Margarethe (kurz Marga) und 1920 die Tochter Ilse (1920) zur Welt.

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Das Bild zeigt Margarethe Brauner (links) mit ihrer Mutter Nanni Stahl, geb. Neubürger und der jüngsten Schwester Ilse.

 

 

 

1919 erwarb Siegmund Stahl das Gebäude gegenüber (Bahnhofstraße 12) und baute es wesentlich um. Sie hatten ihr Geschäft zwischen dem Kolonialwarenladen Neuhaus und dem Zigarettenladen Becker.

 

Die Familie Stahl war erfolgreich und ihr Geschäft entwickelte sich zu einem führenden Modehaus (später Modehaus Wenzel).

Die Kindheit und Jugend verbrachte die Tochter Margarethe in der Bahnhofstraße. Sie besuchte die „Höhere Töchterschule“ und lernte in der jüdischen Schule – die während der Pogromnacht Opfer der Flammen wurde – Hebräisch, noch nicht ahnend, dass sie diese Schrift später brauchen würde.

Zugleich war die jüdische Bevölkerung mit einem judenfeindlichen Rassismus konfrontiert, der ihr Bleiberecht in Frage stellte. Nach der Machtübernahme Hitlers am 30. Januar 1933 war der Vater jahrelang zuversichtlich, dass die Übergriffe und Repressalien gegen die jüdische Bevölkerung nachlassen würden. Er entschied sich, zu bleiben.

Anders Margarethe, sie emigrierte 1935, nachdem unerkannter Weise eine Gruppe SS-Leute vor ihr – der zwanzigjährigen jungen Jüdin - salutierten. „Wenn die gewusst hätten, dass ich Jüdin war“, sagte sie 1988 in einem Interview, „dann weiß ich nicht, wo ich gelandet wäre.“

Durch legislatorische Akte wie den „Nürnberger Gesetzen“ von 1935, die deutsche Juden zu Staatsbürgern minderen Rechts degradierten, wurde der Rassenwahn mit Berufsverboten, Boykotten und unzähligen administrativen Schikanen realisiert. Der Boykott jüdischer Geschäfte stellte nur einen ersten Akt staatlich legitimierter Repression und Diskriminierung dar.

Stahl Siegmund   Bahnhofstraße 12

Auch die Familie Stahl blieb nicht verschont. Vier Jahrzehnte nach der Emigration berichtet Margarethe Brauner (geb. Stahl) während eines Besuchs in Korbach der „Waldeckischen Landeszeitung“ (16.08.1988) über die Ereignisse der damaligen Zeit: „Vieles von den schrecklichen Dingen, die damals passierten, habe ich durch meine Eltern erfahren. Am Anfang habe ich eigentlich noch nicht so viel von der Judenverfolgung  mitbekommen.“

Nach Absprache mit dem Vater emigrierte Margarethe nach Haifa in Israel, wo sie schon einmal einen Urlaub verbracht hatte. Dort lernte sie auch Dr. med. Zerubabel Brauner kennen, den sie 1936 heiratete. Ihre Eltern und jüngere Schwester Ilse blieben in Deutschland.

Die Novemberpogrome - als Wegmarke weiterer Radikalisierung – blieben ihnen erspart. Die Familie verzog 1937, nachdem der Vater zur Geschäftsaufgabe gezwungen worden war, nach Frankfurt a.M.  Siegmund Stahl, der in ein Konzentrationslager kam, hatte es nur dem intensiven Bemühen eines Onkels in London zu verdanken, dass der Vater wieder freikam und sich ein Visum besorgen konnte, um mit seiner Frau und seiner Tochter auszuwandern. Nach Zwischenauenthalt in London wanderten sie nach Baltimore in den Vereinigten Staaten aus.

Der Neubeginn war für alle Emigranten schwer. Nachdem sie ihr Hab und Gut zurückgelassen und alles verloren hatten, mussten sie in einem fremden Land, mit einer neuen Sprache eine Existenz-grundlage aufbauen. Viele scheiterten und zerbrachen innerlich.

Mit Hilfe einer Emigrantenorganisation gründete die Familie eine Hühnerfarm in Vineland / New Jersey. Nur durch höchsten Verzicht und schweißtreibende Arbeit konnten die aufgenommenen Schulden zurückgezahlt werden. Später erhielt die Familie von der Bundesrepublik Deutschland eine „Wiedergutmachungsleistung“.

1950 siedelten Siegmund und Nanny Stahl, nachdem ihre Tochter Ilse in Vineland/Ney Jersey mit einem Auto tödlich verunglückt war, nach Haifa zu ihrer Tochter Margarethe über. In Haifa verbrachte das Ehepaar seine letzten Jahre. Siegmund Stahl verstarb am 5. Mai 1973.

Margarethe Brauner (geb. Stahl) hat sich noch nach Jahrzehnten im Ausland mit Korbach identifiziert, trotz nationalsozialistischer Verfolgung. Sie konnte die schönen Momente ihrer Jugend nicht vergessen. „Damals habe ich noch gesagt, daß man nie verzeihen kann, doch ich habe verziehen. Nur vergessen, das kann man nicht.“ (Margarethe Brauner)

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Bahnhofstr. 12 heute

 

 

 

 

 

                                                                                                                   

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