Louis Meyer - Sozialdemokrat und jüdischer Lehrer

(früher Antisemitismus/Konzentrationslager Breitenau)  

Antisemitismus ist kein Phänomen, das sich erst mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten seinen Weg bahnte. Erste Ausschreitungen – wie die des Novembers 1932 - ließen erahnen, dass eine menschenverachtende Gesinnung sich ihren Weg bahnen würde. 1932 waren es vergleichsweise noch vereinzelte Anzeichen antisemitischer Gesinnung, die aber bereits Schlimmeres heraufbeschworen. Zunächst waren es nur die Fensterscheiben des jüdischen Lehrers und Sozialdemokraten Louis Meyer (1880-1967) und die der Synagoge, die zu Bruch gingen, aber Weiteres sollte folgen.

„Kassel, 11. November [1932]. Im dem Waldeckschen Städtchen Corbach haben S.A.=Leute durch Steinwürfe sämtliche Fenster der Synagoge eingeworfen. Zugleich wurde gegen das Haus des jüdischen Lehrers des Ortes ein regelrechtes Steinbombardement eröffnet, bis sämtliche Fensterscheiben zertrümmert waren.“

„In der Nacht zum 9. d. Mts. [November 1932]  Gegen 1,45 Uhr wurden an der Wohnung des isr. Lehrers i/R. Louis Meyer[,] hier Flechtdorferstraße Nr. 55 wohnhaft [das letzte Haus am Stadtausgang], insgesamt 10 Fensterscheiben […] mit faustdicken und kleineren Steinen eingeworfen. Die Steine wurden mit solcher Wucht geworfen, dass diese teilweise die Gardinen durchschlugen und an die Gegenwände flogen.“

„Lehrer i.R. Meyer gehört der S.P.D. an und gilt als tätiges Mitglied. Es ist daher anzunehmen, dass das Einwerfen der Fensterscheiben durch politische Gegner erfolgt ist, die, wie ich annehme, der N.S.D.A.P. angehören werden.“

Louis Meyer traf es in der nationalsozialistischen Hochburg Waldecks gleich in zweierlei Hinsicht. Er hatte das Pech, jüdischer Abstammung und Sozialdemokrat in einer Person zu sein. Einer dieser Gründe hätte schon ausgereicht, um ihn in den Augen der Nationalsozialisten  verdächtig zu machen.

Die Familie Meyer war 1926 aus Vöhl in die Arolser Landstraße 16 zugezogen. Am 1. September 1931 verlagerten sie ihren Wohnsitz in die Flechtdorfer Straße 55 (städtisches Wohnhaus) und 1934 in die Stechbahn 7,  das Haus der jüdischen Familie Kohlhagen. 

 

DSCN3768Stechbahn 7

Stechbahn 7 um  1938 und 2007
1. Haus von links

  

Vormals in Vöhl als Lehrer tätig, übernahm Louis Meyer in Korbach von 1926 bis 1930 das Amt des Lehrers und Kantors der jüdischen Gemeinde, aus der er am 3. Februar 1932 austrat. Das Ehepaar Louis und Pauline [bzw. Paula] Meyer (geb. Rothschild) hatte drei Söhne und eine Tochter. Die drei Söhne Hermann, Ludwig und Wilhelm besuchten wie so viele andere jüdische Kinder das Landesgymnasium in Korbach (heute „Alte Landesschule“).

Wie stark die jüdischen Einwohner unter dem nationalsozialistischen System in Korbach litten, verdeutlichen die biographischen Angaben des achtzehnjährigen Oberprimaners Wilhelm Meyer vom 30. November 1934, der als einziger Jude seiner Klasse sehr früh Antisemitismus und Ausgrenzung erleiden musste:

„Ich persönlich habe immer das Lernen als eine nützliche und deshalb notwendige Pflicht betrachtet. Doch als die nat. soz. Revolution kam, erschien mir das ganze Lernen sinnlos, und der Schulbesuch als eine Vergeudung der Zeit. Denn jetzt verschlossen sich alle Berufe für mich. Was sollte mir Latein, Griechisch, Deutsch, Geschichte, wenn ich vielleicht auswandern und ein Handwerk lernen musste! Da habe ich mich oft mit dem Vorwurf gequält: Hättest du doch ein Handwerk gelernt! Von der seelischen Qual, sich plötzlich isoliert und als Menschen minderen Wertes zu finden, muß ich schweigen. So war ich oft nahe daran, die Schule zu verlassen, wie es viele andere in meiner Lage getan haben.
[…] Bei der Bestimmung meines ferneren Lebens nach Abschluß der Schulbildung sehe ich mich gezwungen, da kein Platz mehr für mich in Deutschland ist, mich mit dem Gedanken der Auswanderung vertraut zu machen. Um aber in diesem Falle fest im Leben zu stehen, will und muß ich ein Handwerk lernen, das mir erst die Tore zu anderen Ländern öffnet.“

So war es nicht verwunderlich, dass ihn seine Lehrer als „gedrückter in seinem Wesen als früher“ beschrieben. Antisemitismus und antijüdische Agitation bahnten sich schnell ihren Weg. Sie sind jedoch nicht erst ein Produkt der Machtübernahme Hitlers, sondern waren bereits präsent und fielen umso leichter auf einen bereiteten Nährboden. Über die Behandlung der Korbacher Juden berichtete Dipl. Ing. Otto Dumke  am 29. September 1999 in der Waldeckischen Landeszeitung:

Otto Dumke: Ich war damals 17 Jahre alt und wohnte im Waldhaus am Waldecker Berg. Mein Vater war Arzt. Er wurde später aufgefordert, keine Juden mehr zu behandeln, aber er weigerte sich und behandelte jeden der kam, gleich ob Jude oder Christ.“
[Frage] Hatten Sie Juden in der Klasse?
Otto Dumke: Ja, einen unter 22 Schülern. Er war Sohn des Rabbiners Maier und wohnte in der Stechbahn. Ich erinnere mich, dass er immer sehr unglücklich über die Behandlung der Juden war.
[Frage] War er irgendwie anders? Hat er am Religionsunterricht teilgenommen?
Otto Dumke: Nein, er war ganz normal. Am [christl.] Religionsunterricht hat er teilgenommen und das Abitur mit uns gemacht.“

Wie repressiv das NS-System unmittelbar nach der Machtübernahme war, verdeutlicht eine Wahlanzeige vom März 1933, in der ein jüdischer Kandidat aufgrund repressiver Methoden seine Kandidatur niederlegte:
„Auf der parteilosen Liste der Hand-
werker und Landwirte stand bei Ein-
reichung an 6. Stelle ein Jude.
Erst in letzter Minute wurde er aus
Angst vor der nationalsozialistischen
Revolution zurückgezogen!
Deutscher Handwerker und Landwirt,
wir räumen auf! Hilf uns!
Wähle Liste 1 Nationalsozialisten!“

 

Von Entrüstung über derartige Geschehnisse in der Bevölkerung scheinbar keine Spur. Auch in der Folgezeit sucht man nach Zivilcourage oder einem öffentlichkeitswirksamen Eintreten für die jüdischen Mitbürger in Korbach vergebens.

In kurzer Zeit (Febr. – April. 1933) wurden die gesetzlichen Voraussetzungen zur Errichtung eines Führerstaates geschaffen. In atemberaubender Zeit wurde mit entsprechenden Gesetzen, Ver-ordnungen und Erlassen Deutschlands erste Demokratie demontiert.

Zunächst wurden 1933  Juden aus dem öffentlichen Dienst und einigen freien Berufen ausgeschaltet, die Zahl jüdischer Hochschüler und Studenten beschränkt.

Nationalsozialisten versicherten noch, dass es keineswegs beabsichtigt sei, Juden aus dem Wirtschaftsleben auszuschließen, was in der Bevölkerung den Eindruck eines „maßvollen“ Vorgehens vermittelte.

Louis Meyer  wurde am 30. September 1933 - wie so viele andere Sozialdemokraten und Juden - aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums (vom 7. April 1933) aus dem öffentlichen Schuldienst entlassen und seiner wirtschaftlichen Existenz beraubt, nachdem er zunächst vom 6. bis 24. Mai 1933 im Gefängnis Zweibrücken und vom 1. Juli bis 28. September 1933 im Konzentrationslager Breitenau inhaftiert gewesen war.

Regelmäßig erstattet der Korbacher Landrat Klapp, zuständig für den Kreis Eisenberg, auf Veranlassung des Innenministers dem Regierungspräsidenten in Kassel über die Anzahl der Häftlinge Bericht. Am 11. September 1933 findet sich der Hinweis:

 

„Betr.: Vollstreckung der Polizeihaft
[…]
a) Es sind 3 politische Häftlinge vorhanden,
gegen die Freiheitsbeschränkung von hier
angeordnet worden ist. (Davon befinden
sich 2 Schutzhäftlinge (Meyer und Fingerhut)
im Konzentrationslager Breitenau).“

  Meyer  Breitenau

 

 

 

Original des Schreibens befindet sich im Hessischen Staatsarchiv Marburg,
Bestand 165/ 3982, XI, 343

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Am  25. September 1933 ist zu erfahren:

„Es sind 6 politische Häftlinge vorhanden, gegen die Freiheitsbeschränkung von hier angeordnet worden ist. Von den vorstehenden 6 Schutzhäftlingen befinden sich 3 (Meyer, Fingerhut und Mohaupt) im Konzentrationslager Breitenau, die anderen 3 im Gerichtsgefängnis in Corbach.“

Landrat Klapp führt am 26. September zu den Vorgängen aus:

„Im Konzentrationslager Breitenau: 1 kommunistischer Funktionär (Mohaupt), 1 Funktionär der S.P.D. (Meyer) der hier als Verbindung zwischen der Eisernen Front und der K.P.D. zu betrachten ist und sich als großer Hetzer gegen die nationale Bewegung hervorgetan hat, 1 Häftling, der sich nach dem 21.3.1933 noch aktiv im staatsfeindlichen Sinne betätigt hat, [….]“
Die Errichtung des Konzentrationslagers Breitenau (bei Guxhagen/ 15 km südlich von Kassel entfernt) stand im Zusammenhang mit reichsweiten Massenverhaftungen politischer Gegner und „missliebiger Personen“ zu Beginn der NS-Zeit. Unter den 470 Gefangenen des frühen Konzentrationslagers Breitenau (1933/34) kamen allein 25 Personen aus dem heutigen Kreis Waldeck-Frankenberg. Vier stammten aus Korbach.

Der älteste Sohn, Hermann Meyer (geb. 1911), wandte sich am 06.07.1933 an den Regierungspräsidenten mit der Bitte um frühzeitige Entlassung seines Vaters:

 

„Ich möchte Sie höflichst bitten, doch dafür zu sorgen, dass mein Vater aus dem Konzentrationslager in Breitenau entlassen wird. Er ist seit dem 1. April dreimal festgenommen worden und war seit dieser Zeit nur 14 Tage bei der Familie. Mein Vater ist schwer nervös und kann mit einem Arm nicht richtig arbeiten. Auch können wir ihn im Haushalt nicht entbehren, zumal meine Mutter zwei Finger der rechten Hand nicht benutzen kann und die gröberen Arbeiten allein verrichten muß. Meine berufliche Ausbildung ist dadurch unmöglich gemacht worden. Mein Vater gehörte nur den Organisationen der S.P.D. an und stand mit Kommunisten nicht in Verbindung. Er war drei Jahre im Kriege.
Da sich der Gesundheitszustand durch die Haft noch verschlimmert hat, wie ich selbst sah, so möchte ich Sie nochmals um die Freilassung meines Vaters bitten.    

                                                                Hochachtungsvoll!
                                                                Hermann Meyer“

 

Der Polizei-Präsident attestierte seinem Vater zwar einwandfreie Führung, so dass seiner Entlassung nichts im Wege stand (Schreiben des Polizei-Präsidenten an den Landrat in Corbach vom 3. Sept. 1933), der Landrat lehnte dieses Gesuch jedoch mit der Begründung ab:

„In Übereinstimmung mit dem Kreisleiter der N.S.D.A.P. sp(reche) ich mich gegen die Entlassung des Meyer aus, weil dieser als großer Hetzer gegen die N.S.D.A.P. bekannt ist und große Unruhe in der [Bürgerschaft] bei seinem Erscheinen in Corbach verursachen würde.“

Politische Gegner sollten gedemütigt und gefügig gemacht werden. Für zahlreiche Internierte war dies der Beginn einer langen Verfolgungsphase und Odyssee durch verschiedenste Gefängnisse und Konzentrationslager.

Louis Meyer wurde 1937 bezichtigt, in den Jahren 1936 und 1937 am Wiederaufbau der illegalen KPD in Hessen-Waldeck beteiligt gewesen sein. Im Mai 1937 ermittelte der Oberstaatsanwalt in Kassel im Verfahren Eisenberg gegen Meyer wegen Vorbereitung zum Hochverrat. Am 5. Mai. erfolgte seine Festnahme.

Zwischenzeitlich wieder auf freiem Fuß siedelte Louis Meyer am 22. September 1937 mit seiner Frau nach Frankfurt a. M. um. Von dort wurde er am 2. Oktober 1937 in das Konzentrationslager Dachau deportiert; seine Verlegung in das Konzentrationslager Buchenwald erfolgte vom 22. September 1938 bis Juni 1939. Mit der erzwungenen Zusage, so schnell wie möglich auszuwandern, wurden viele aus Buchenwald entlassen.

Zwei Tage später emigrierte Louis Meyer mit seiner Ehefrau Pauline nach Palästina. Die Kinder Hermann, Else und Wilhelm Meyer fanden in den USA Zuflucht, die ihnen in ihrer eigenen Heimat verwehrt blieb. Ludwig (geboren 1912) verließ am 15. Juni 1937 Korbach. Leider konnte er sich nicht mehr rechtzeitig vor den NS-Häschern in Sicherheit bringen. Er wurde von Frankfurt aus mit unbekanntem Ziel deportiert und gilt seitdem als verschollen.

Bis 1953 lebte Louis Meyer mit seiner Frau in Israel. Später bezog er in Köln-Ehrenfeld ein jüdisches Altersheim, wo er am 22.10.1967 verstarb. Seine Frau blieb in Israel.

 

Bericht aus WLZ: 09.02.2008

geschrieben von: Marion Lilienthal

Copyright © Dr. Marion Lilienthal

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