Spuren jüdischen Lebens und nationalsozialistischer Machtdemonstration

 

Der andere Stadtführer durch Korbach/Waldeck

Marion Lilienthal/Schüler/innen der Alten Landesschule

Korbach 2008

 

Vorbemerkung

Die unmittelbare Begegnung mit Orten der Vergangenheit im Rahmen der Regionalgeschichte soll nicht nur eine Auseinandersetzung, sondern darüber hinaus wichtige Erklärungsmuster für menschliches Verhalten während der NS-Zeit bieten. Eine ganze Bandbreite menschlicher Reaktionen wurde offenkundig. Die Regionalgeschichte  ist dabei unerlässlich, weil vor Ort die Kom-plexität greifbarer wird, wenngleich die eigentlichen Schrecken sich letztlich unserer Vorstellungskraft entziehen.

Der „andere Stadtführer“ will anhand von achtundzwanzig Stationen die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Korbach, Schicksale jüdischer Familien, Oppositioneller sowie die Instrumentalisierung einzelner Gebäude, Orte und Plätze ins Bewusstsein rücken. Denn historische Orte verweisen nicht nur auf räumliche Nutzungsformen, sondern geben Aufschluss über politische Veränderungen. Nicht nur der Korbacher Adolf-Hitler-Platz, der Schlageterpark, die Hindenburgstraße, Horst-Wessel-Feierstätte oder Göring-Kampfbahn zeugen von  Propagandazwecken  nationalsozialistischer Machtdemonstration. Im historischen Kontext betrachtet, zeigen uns diese Orte, wie sich Machtübernahme und Gleichschaltung auf Korbach auswirkten.

Geplant als Stadtrundgang bzw. –führer soll ein Perspektivwechsel angestrebt werden. Alt Bekanntes kann aus verschobenem Blickwinkel anders erscheinen. Orte sollen neu entdeckt, Schicksale, die sich hinter historischen Mauern verbergen, vergegenwärtigt werden.

Der Stadtrundgang spannt dabei einen Bogen von der ersten Ansiedlung jüdischer Bürger, ihrer politischen Partizipation und Integration, über einen erstarkenden Antisemitismus, zu verstärkter Ideologisierung, Instrumentalisierung, Stigmatisierung und Ausgrenzung bis zur Deportation und dem jähen Ende jüdischen Lebens in Korbach.

Natürlich können mit dem Stadtrundgang nur Teilaspekte jüdischen Lebens, nationalsozialistischer Machtdemonstration und Instrumentalisierung gestreift werden, viele Schicksale und Begebenheiten müssen weiteren Publikationen vorbehalten sein. Fragen bleiben offen und bedürfen weiterer  intensiver Recherchen.

 

Bei den Quellen wurden Schreib- und Grammatikfehler, wie sie manchmal bei flüchtig abgefassten Schriftstücken auftreten, nur in Ausnahmefällen korrigiert.  Berichtigungen, Auslassungen und Er-gänzungen sind in der Regel durch eckige Klammern gekennzeichnet. Titelunterschriften in den Klammern verweisen auf thematische Schwerpunkte der entsprechenden Kapitel.

Bewusst wurde bei dem Stadtführer auf einen umfassenden Anmerkungsapparat verzichtet, um nicht nur die Lesbarkeit zu erhöhen, sondern um vielmehr einen prägnanten und kurzen übersichtlichen Einblick zu gewährleisten.

Die Veröffentlichung hätte in dieser Form ohne die Unterstützung und die Anregung vieler Zeitzeugen und Förderer, die durch Berichte, wichtige Hinweise und Materialien die Arbeit bereicherten, nicht entstehen können. Repräsentativ für viele andere sollen hier Robert Gassner, Hans-Rudolf Ruppel, Dr. Wilhelm Völcker-Janssen, Hans Albert Pohlmann, Hans Osterhold, Walter Zimmermann, Heinz Altenhein und das gesamte Team des Stadtarchivs stehen. Besonderer Dank gilt insbesondere Lothar Gerlach, der unermüdlich mit Rat und Tat zur Seite stand. Bis auf wenige Ausnahmen wurden alle Photos liebenswürdiger Weise vom Stadtarchiv Korbach zur Verfügung gestellt. Ohne das zur Verfügung gestellte Material wäre diese Publikation nicht möglich gewesen.

 

  Marion Lilienthal

 

Einleitung

Nachweisbar dürften sich die ersten Juden zwischen 1761 und 1764 in Korbach als so genannte „Schutzjuden“ niedergelassen haben. Schutzbriefe des Waldecker Fürsten berechtigten zur häuslichen Niederlassung und zu einzelnen Handelstätigkeiten.

Die Korbacher „Judenschaft“ bildet wohl die erste Kultus-Gemeinde im Fürstentum Waldeck, die 1770 gegründet wurde. Eine allgemeine Ansiedlung im damaligen Fürstentum Waldeck begann jedoch vergleichsweise spät. Bedenkt man, dass eine Verordnung von 1709 das „heimliche Einschleichen“ untersagte, lässt sich in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein rapider Bewusstseinswandel feststellen. Es setzte sich die Erkenntnis durch, dass Juden zur Entwicklung von Handel und Gewerbe außerordentlich nützlich sein könnten, da sie über große Erfahrungen und weit reichende Kontakte verfügten. Viele Berufszweige blieben ihnen aber noch lange verwehrt.

Parallel zur Ansiedlung schien ein jüdischer Friedhof in Korbach erforderlich. Bis dahin wurden die Korbacher Juden auf dem jüdischen Friedhof in Arolsen beigesetzt. Über Jahrhunderte hinweg blieb es vielen jüdischen Gemeinden verwehrt, Begräbnisplätze zu erwerben. Dies lässt sich für Korbach nicht belegen. Eine entsprechende Erlaubnis zur Anlage wurde am 1. August 1769 erteilt.

Im Rahmen der durch die Französische Revolution von 1789 bewirkten Gleichstellung der Juden in Frankreich und der später unter französischer Herrschaft stehenden deutschen Gebiete (z.B. Kurhessen) kam es auch in Waldeck zu Ansätzen einer Liberalisierung. Am 28. Januar 1814 erreichten die Juden in Waldeck – eher theoretisch als praktisch - die Gleichberechtigung. Der berufliche wie gesellschaftliche Aufstieg der Juden, der über viele Jahrhunderte verhindert wurde, ging nun rasch vonstatten. Nach Jahrhunderten der Beschränkung gelang etlichen jüdischen Bürgern der wirtschaftliche und gesellschaftliche Aufstieg. Eine reichsweite Gleichstellung erfolgte 1871. Mit der Reichsgründung galten sie als deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens. 1895 erfolgte in einem feierlichen Akt die Einweihung der Korbacher Synagoge.

 

Besonders für das Ende des 19. Jahrhunderts und das erste Drittel des 20. Jahrhunderts gilt, dass die jüdische Bevölkerung aktive Mitgestalter des Alltagslebens waren, das öffentliche Leben mitprägten. Die jüdischen Bewohner waren bodenständig und zumeist schon seit Generationen hier ansässig. Sie integrierten sich, waren Mitglieder von Vereinen und beteiligten sich am politischen Leben. Bezugpunkt aller Bewohner war das Wohl der Stadt.

Ihr Engagement für Deutschland stellten sie im Besonderen als Freiwillige im Ersten Weltkrieg unter Beweis, in dem überdurchschnittlich viele Korbacher Juden ihr Leben für das „deutsche Vaterland“ ließen. Offen und selbstbewusst lebten sie ihren Glauben, wissbegierig und teilnehmend gestalteten sie ihr Leben. Ihre Gemeinschaft in Korbach war aber keineswegs homogen. Neben einer Gruppe bürgerlich gut situierter Familien gab es auch arme Menschen. Sie waren aber alle Deutsche, Deutsche jüdischen Glaubens.

Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und der wirtschaftlich angespannten Situation änderte sich das Klima. Völkische Gruppierungen griffen einen über viele Jahrhunderte tradierten Antisemitismus mit rassistischer Akzentuierung wieder auf. Wirtschaftliches Konkurrenzdenken richtete sich verstärkt auf jüdische Geschäfte. Sie wurden mit einem rassistischen Antisemitismus konfrontiert, der ihre Integration in Frage stellte. Zahlreiche Verbände und Parteien nahmen die Theorien auf und schlossen jüdische Bürger aus.

Bei der Reichstagswahl im Juli 1932 erhielt die NSDAP 37,2 Prozent der Stimmen und wurde damit stärkste Partei. Und am 30. Januar 1933 nahm die sich abzeichnende Katastrophe ihren Lauf, Reichspräsident Paul von Hindenburg ernennt Adolf Hitler zum Reichskanzler. Mit der Machtübernahme wurden Antisemitismus und Rassismus Staatsdoktrin.

Der Boykott jüdischer Geschäfte 1933 stellte nur einen ersten Akt staatlich legitimierter Repression und Diskriminierung dar. Berufsverbote, Verhaftungen und weitere Schikanen begleiteten die Maßnahmen. Durch legislatorische Akte wie die „Nürnberger Gesetze“ von 1935, die deutsche Juden zu Staatsbürgern minderen Rechts degradierten, wurde der Rassenwahn und unzähligen admini-strativen Schikanen realisiert.
Die Novemberpogrome von 1938 stellten eine Wegmarke dar, die Konzentrierung, Ghettoisierung, Stigmatisierung, eine radikale Arisierung bestätigten und die physische Vernichtung vorbereiteten. Der Verweis von öffentlichen Schulen, Kennkarten- und Namenszwang, das diffamierende übergroße Juden-J auf dem Ausweis, Eingriffe in das Privateigentum, die Arisierung der Betriebe, gesonderte Einkaufs-zeiten, Ausgangssperren und schließlich die Kennzeichnung (Judenstern ab September 1941) stellten nur Fragmente einer menschenverachtenden Politik dar.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jüdische Synagoge nach der Pogromnacht


Auf das Verbot der Auswanderung folgte die 1941 beschlossene „Endlösung der Judenfrage“, die physische Vernichtung aller Juden im deutschen Herrschaftsbereich, die in der Konsequenz die Realisierung eines lang gehegten Zieles darstellte, nämlich die systematische Ermordung Millionen europäischer Juden.

Hitler war nicht unvermeidlich. Regimegegner, Mut und Zivilcourage einzelner verdeutlichen eine wesentliche historische Prämisse: Geschichte ist offen, Variablen sind möglich. Historische Entwicklung ist die Summe vieler Einzelentscheidungen. Damals wie heute.

Stadtplan von 1937

                                                                

Stadtplan von 1937 mit Adolf-Hitler-Platz, Schlageterpark, NSDAP-Kreishaus,
Göring-Kampfbahn und Evangelischen Gemeindehaus (Plan: Stadtarchiv Korbach)

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Technische Realisierung: Anne Kersting