Göring-Kampfbahn

(Instrumentalisierung öffentlicher Plätze)

Bereits kurz nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurden in vielen deutschen Städten Plätze, Straßen, Schulen und sonstige Einrichtungen als äußeres Zeichen der Machtstabilisierung nach herausragenden Personen der NS-Bewegung benannt.

Karte 1937 Göring-Kampfbahn

Stadtplan 1937, Teilansicht

Göringkampfbahn-1959-60

Ehemalige "Göring-Kampfbahn" (rechts unten) 1959/60

Auch Korbach macht da keine Ausnahme. Die Stadtverordnetenversammlung beschloss am 28. März 1933 nach einem Antrag der NSDAP folgende Umbenennungen:

„Am 28. März wurden die neugewählten Stadtverordneten eingeführt. Zum ersten Mal sah man die Mehrheit der Abgeordneten im Ehrenkleid der nationalsozialistischen Bewegung. Der Ortsgruppenleiter Pg. Casselmann wurde mit allen Stimmen, außer denen der SPD zum Stadtverordnetenvorsteher gewählt. Seine einführende Ansprache gipfelte in dem Vorschlag, Generalfeldmarschall v. Hindenburg und Reichskanzler Adolf Hitler das Ehrenbürgerrecht der Stadt Korbach zu verleihen, sowie die Bahnhofstraße in Hindenburgstraße und den Berndorfertorplatz in Adolf-Hitler-Platz umzubenennen. Die neue Korbacher Kampfbahn aber erhielt zu Ehren des treuesten Paladins des Führers den Namen „Göringkampfbahn“. Der Vorschlag wurde zum Beschluß.“

Die deutsche Sportbegeisterung wurde zu einem probaten Vehikel nationalsozialistischer Machtdemonstration und Instrumentalisierung. Erfolgreiche deutsche Sportler – wie Max Schmeling – wurden als Beleg rassischer Überlegenheit herangezogen. Anfang Juni weilte Ministerpräsident Hermann Göring in Bad Wildungen. Diese Gelegenheit nutzte der Korbacher NSDAP-Ortsgruppenleiter Heinrich Casselmann, um diesem ein Bild der „Göringkampfbahn“ zu überreichen und ihn zu den Feierlichkeiten des 5-jährigen Bestehens der Korbacher Ortsgruppe der NSDAP einzuladen.

                     Göring-Kampfbahn---Photo-Ca

 

Der Korbacher NSDAP-Ortsgruppenleiter Heinrich Casselmamn  und Kreisadjutant Münchow überreichen Hermann Göring am 01. Juni 1933 vor dem Hotel Fürstenhof in Bad Wildungen ein Bild der Göring-Kampfbahn mit Widmung und Stadtverordnetenbeschluss.

 

 

 

 

 

 

 

 

Unter pathetischen Worten fand keine drei Monate später, am 11. Juni 1933, die offizielle „Einweihung“ der „Göring-Kampfbahn“ im Beisein Prinz August Wilhelms von Hessen, der Gauleiter des Gaues Kurhessen Gerland, Neuburg und Köhler und dem Oberführer der SA Dippel statt. NSDAP-Ortsgruppenleiter Casselmann wies während der großen Kundgebung im Stadion darauf hin, dass „laut Beschluß der städischen Körperschaft die Corbacher Kampfbahn von heute ab den Namen Göring-Kampfbahn führe.“

Göringkampfbahn Festfolge

Anzeige zum 5-jährigen Bestehen der Ortsgruppe der NSDAP-Korbach,
Waldeckische Landes=Zeitung vom 9.06.1933

Der Ideologisierung, Emotionalisierung und Politisierung dienten Aufmärsche, Wettkämpfe, Vorführungen, HJ-Heimnachmittage, Großkundgebungen und sonstige Veranstaltungen auf der Göring-Kampfbahn.

Göring-Kampfbahn

Kundgebung zur Einweihung der Göringkampfbahn am 11. Juni 1933, WLZ 12.06.1933

Wer war dieser Göring, nach dem das Korbacher Sportstadion benannt wurde? Hermann Göring (1893-1946), seit 1922 Mitglied der NSDAP,  erster „Weg- und Kampfgenosse“ Hitlers, steht nicht nur für die Durchsetzung und Konsolidierung eines menschenverachtenden nationalsozialistischen Gewaltapparates, sondern auch für eine rücksichtslose Verfolgung politischer Gegner und Ermordung „missliebiger“ Personen.

Erste gefängnisähnliche Konzentrationslager wurden auf seine Initiative hin eingerichtet, die Gründung der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) veranlasst, aus der später das Reichssicherheitshauptamt hervorging.

Seine „Volksnähe“ und einzigartige Ämterhäufung machten Göring zum zweiten Mann im „Dritten Reich“ und designierten Nachfolger Hitlers (u.a. preuß. Innenminister, Chef der preuß. Polizei/ Gestapo, preuß. Ministerpräsident, Reichsluftfahrtminister, Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Reichsforst- und Reichsjägermeister, Rohstoff- und Devisenkommissar, Beauftragter des Vierjahresplanes, kommissarischer Reichswirtschaftsminister, Generalfeldmarschall, Reichsmarschall des Großdeutschen Reiches).

Nach der Pogromnacht von 1938 schlug Göring vor, den deutschen Juden eine Geldbuße von einer Milliarde Reichsmark aufzuerlegen. Verantwortlich für die Enteignung der Juden, beauftragte er am 31. Juli 1941 Reinhard Heydrich mit der „Endlösung der Judenfrage“, die für Millionen in Europa lebender Juden fürchterliches Elend und  den Tod bedeuteten.

Politische und militärische Fehlentscheidungen führten zunehmend zu seinem Machtverfall. Von Hitler nur aus Prestigegründen in seinen Ämtern belassen, als „Klamotten-Hermann“ oder „Lametta-Heini“ zuweilen vom Volk abfällig bezeichnet,  Morphinist und psychisches Wrack, flüchtete sich Göring mehr und mehr in eine Scheinwelt.

Korrupt und skrupellos, war er stets auf seinen Vorteil bedacht. Er entzog sich am 15.10.1946 in Nürnberg durch Selbstmord seiner Verantwortung für das unermessliche Leid und Elend, das er in nur wenigen Jahren über Europa gebracht hatte.

Ermächtigungsschreiben Hermann Görings vom 31. Juli 1941
(Bestand: Historisches Staatsarchiv Lettland, Riga, Bestand P 1026, Bl. 164)

Unmissverständlich war das sportliche Handeln auch von den ideologischen Grundlagen des Nationalsozialismus durchwoben (Rassenlehre, Sozialdarwinismus, Recht des Stärkeren, Elitedenken). Körperliche Ertüchtigung galt als Grundpfeiler nationalsozialistischer Erziehung, daher galt es, den Sport im Sinne der NS-Ideologie auszurichten und gleichzuschalten.

Am 30. August 1941 wurden den Juden Sport aller Art und alle Vereine, selbst die des eigenen jüdischen Dachverbandes verboten. Wegen willfähriger Vereinnahmung hatte es der Sport nach 1945 schwer, seine Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen. Daher blieb Deutschland die Teilnahme an den Olympischen Spielen 1948 und der Fußballweltmeisterschaft 1950 verwehrt.

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