Jüdische Schule

(Schul- und Bildungswesen)

jüdische Schule 1936

Während der Pogromnacht vom  9./10.11.1938 wurde die jüdische Schule  Opfer eines heimtückischen Brandanschlages. Heute befindet sich an ihrer Stelle der städtische Kindergarten.

 

 

Jüdische Schule 1936,  Tempel 5

 


Im Jahr 1893 erwarb die Jüdische Gemeinde das Grundstück im Tempel 5, in dem sie Schulräume für die jüdischen Kinder ein-richtete. Bis 1938 wohnte hier auch der Lehrer, der neben seiner Lehrtätigkeit auch das Amt des „Vorbeters“ in der Synagoge verrichtete, und - soweit vorhanden - die Haus-meisterfamilie in der jüdischen Schule.

Erste Hinweise auf einen jüdischen Lehrer gibt bereits das Korbacher „Seelenregister“ des Jahres 1771. Wiederholt tauchen in den Folgejahren Bezeichnungen wie „Rebbe“, „Schulmeister“ und „Informator“ auf.

jüdische Schule 1912

                                            Jüdische Schule, Korbach 1912

Auf schulischem Gebiet erfolgte 1823 die Gleichstellung zwischen jüdischen und christlichen Schülern. Vom Fürstlich Waldeckischen Consistorium in Arolsen wurde am 14. April 1823 die Schulpflicht für jüdische Kinder eingeführt, welche mit dem 7. Lebensjahr begann.

Juden und Christen sollten nicht nur gleichermaßen unterwiesen werden, sondern möglichst auch die gleichen Schulen besuchen. Nur der Religionsunterricht sollte weiterhin durch jüdische Lehrer erteilt werden.

Der Landesfürst ging sogar soweit, die Ortsvorstände und hiesigen Lehrer darüber zu unterrichten, dass den jüdischen Schülern und Schülerinnen die gleiche Fürsorge und Aufmerksamkeit wie den nichtjüdischen Kindern zuteil werden sollte. Von keiner Seite sollte den jüdischen Schülern eine geringschätzige oder beleidigende Behandlung widerfahren.

In der jüdischen Schule wurden neben der religiösen Unterweisung Einblicke in die Geschichte des jüdischen Volkes vermittelt. Einige Zeit wurde auch Grundschulunterricht erteilt, der 1921 eingestellt wurde. Ab diesem Zeitpunkt gingen die jüdischen Kinder in die städtische Schule, soweit sie nicht weiterführende Schulen besuchten.

 

Dass die jüdische Bevölkerung Korbachs großen Wert auf Bildung legte, ist am hohen Anteil der Schüler abzulesen, die bereits Ende des 18. und 19. Jahrhunderts das Landesgymnasium (heute Alte Landesschule) besuchten. Die Töchter jüdischer Kaufmannsfamilien besuchten durchweg die „Höhere Töchterschule“.

töchterschule 1895

„Höhere Töchterschule“, 1895  (Geburtsjahrgang  1884 bis 1886)

                                                               
Die „höhere Töchterschule“ befand sich bis 1904 in der Schulstraße 3, danach wurde sie in den Neubau am Enser Tor verlegt. Erstaunlich hoch ist der Anteil jüdischer Schülerinnen. Auf dem abgebildeten Photo sind sieben von vierundzwanzig Schülerinnen jüdischer Herkunft. Zwei der jüdischen Namen finden sich auf den Opferlisten des Konzentrationslagers Theresienstadt wieder. Wer hätte das 1895 erahnen können?

Der letzte jüdische Lehrer war Moritz Goldwein, der am 16.02.1884 in Breuna geboren wurde. Die Familie Goldwein zog 1930 aus Wanne-Eickel nach Korbach und wohnte in der jüdischen Schule, im Tempel 5. Wegen sich radikalisierendem Antisemitismus ließ Moritz Goldwein seinen Sohn Manfred - schweren Herzens - 1938 in die USA emigrieren.

Es war das letzte Mal, dass er seinen Sohn sah. Vielleicht in Voraussicht kommender Ereignisse schrieb die Mutter diesen Brief an ihren geliebten Sohn:

 

 

„Mein lieber guter Junge!
Dieses Buch sende ich Dir durch eine gute Freundin, die immer gut und brav zu uns war und die uns in unserer Not und Bedrängnis immer treu zur Seite gestanden hat.
Meine Gedanken sind Tag und Nacht bei Dir mein lieber Junge. Vielleicht wenn uns der l[iebe] Gott am Leben lässt ist es uns vergönnt, dass wir noch mal wieder vereint sein können. Wenn es aber nicht sein soll, so möge Dich der l.[iebe] Gott in seinen Schutz nehmen. Bleibe weiter gut und brav wie Du es immer gewesen bist. Ich weiss, dass Du und alle unsere Lieben dort alles getan habt un[s] zu retten, aber das Schicksal wollte es anders. Du weißt, dass wir immer Gutes getan haben und in Gottes Wegen gewandelt sind. Vergiss uns nicht mein l. [ieber] Junge, wie auch wir Dich nie vergessen werden.
Nochmals bleib ein guter Mensch, tue Deine Pflicht. Grüsse alle unsere Lieben von uns.
Lebe wohl mein liebes Kind. Ich umarme Dich innigst
  Deine Mutter.“

 

Auszug aus: Meine Reise nach Stuttgart und U.S.A., Manfred Goldwein

 

Es sind die letzten Lebenszeichen der Mutter.

 

Wie Recht sie hatten, zeigen die weiteren Ereignisse. Am Abend des 9. November 1938 gingen das Schulgebäude und die Synagoge in Flammen auf.

Beide Familien – vom Feuer überrascht – waren durch die starke Rauchentwicklung besonders gefährdet. Man zerrte das Ehepaar Goldwein und die Hausmeisterfamilie Straus aus der Schule, stellte sie an den gegenüberliegenden Zaun, wo einige Passanten versuchten, sie „in den Hintern zu treten oder […] anzuspucken“. Alles unter den Augen der Öffentlichkeit.


jüdische Schule Abriss

Jüdische Schule nach der Pogromnacht, 10.11.1938

Wie einem Polizeibericht des Jahres 1953 entnommen werden kann, wurden die Ehepaare Goldwein und Straus „von der Volksmenge daran gehindert, das Haus zu verlassen. Diese beiden Familien wurden durch die Polizeibeamten Prager, Wolf und Stiehm aus ihrer höchsten Not befreit und […] in Schutzhaft genommen. Die Synagoge und das Schulgebäude brannten bis auf die Grundmauern nieder. Die Brandstelle war dauernd von einer größeren Volksmenge belagert. In der Zwischenzeit wurden immer wieder Ausschreitungen an jüdischen Häusern gemeldet […].“

Moritz Goldwein suchte mit seiner Frau Rosalia Obdach bei verschiedenen jüdischen Familien. Im Juli 1942 wurden sie, wie so viele andere Juden,  gezwungen, Korbach zu verlassen. Die Spur des Ehepaars Goldwein verliert sich im Vernichtungslager Auschwitz.

 

Kennkarte Goldwein Moritz

Mit der Verordnung vom 17. August 1938 erfolgte die Einführung der jüdischen Zwangsnamen „Sara“ bzw. „Israel“ (zum 01. Januar 1939). Neue Pässe mussten erstellt werden. Moritz Goldweins letzter Pass vom 17.01.1939 zeigt in  der Bildmitte unübersehbar das brandmarkende „J“ [für Jude], seinen rechten und linken Zeigefinger und den Zwangsvornamen „Israel“.

Heute steht an der Mauer des Kindergartens im Tempel 5 eine Tafel, die an die jüdische Schule und die Synagoge erinnern soll.  Bürgermeister Wolfgang Bonhage sagte, man könne die dunklen Seiten unserer Geschichte nicht streichen. Um sie bewältigen zu können, müsse man erst darüber Bescheid wissen.

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