Familie Weitzenkorn

(Arisierung der Geschäfte/Verweis von öffentlichen Schulen)

Die Familie Weitzenkorn ist seit dem Jahr 1826 im Korbacher Einwohnerregister belegt. Simon Weitzenkorn erwarb 1900 zunächst das Haus in der Stechbahn 19, in dem er ein Textilgeschäft führte. 1906 wurde dieses in die Professor-Kümmell-Str. 5 verlegt. Die Familienmitglieder fühlten sich als deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens.

Weitzenkorn Haus

Geschäft der Familie Weitzenkorn, Professor-Kümmell-Str. 5

Der Sohn Siegmund Weitzenkorn besuchte das Fürstliche Landesgymnasium (heute „Alte Landesschule“) in Korbach. Wie so viele jüdische Bürger kämpfte er im Ersten Weltkrieg für das „deutsche Vaterland“. 1921 heiratete  Siegmund Toni Freudenstein und im November 1928 erblickte ihre Adoptivtochter Marianne das Licht der Welt.

Marianne Weitzenkorn 8

 

 

 

Marianne Weitzenkorn (Mitte), Spielschule 1932, Entengasse

 

 

 

 

 

Anzeige Weitzenkorn

Nach dem Tod des Vaters führte Siegmund das Geschäft weiter, bis er es im Rahmen nationalsozialistischer Boykottmaßnah-men und  Arisierungsbestrebungen aufgeben musste.

Am 12. November 1938 verlangte eine Verordnung die Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben (so genannte „Arisierung“). Ab dem 1. Januar 1939 wurde Juden der Besitz von Geschäften, Handwerksbetrieben sowie das Anbieten von Dienstleistungen untersagt. Auch Siegmund Weitzenkorn wurde 1938 genötigt, sein Textilgeschäft aufzugeben.

Durch die Verordnung vom 12. November 1938 erfolgte aber nicht nur die Vernichtung seiner wirtschaftlichen Existenzgrundlage. Für die Eigentümer bedeutete dies meist den endgültigen Ruin, da Selbständige einem weitgehenden Berufsverbot unterlagen und Juden nur noch in Ausnahmefällen Beschäftigung fanden. Juden verloren darüber hinaus bei einer Entlassung jeden Anspruch auf Rente, Pension und Arbeitslosenversicherung. Inhaber wurden aber nicht erst mit der neuerlichen Verordnung genötigt, ihre Geschäfte und Grundstücke weit unter Marktwert zu verkaufen. Den Vorwand der rassischen „Säuberung des deutschen Volkskörpers von jüdischen Volksschädlingen“ nutzten NS-Bonzen, Ortskenner und Einheimische aus, um sich in den Besitz des jüdischen Eigentums zu bringen.

Bürgermeister Zimmermann bemühte sich im Rahmen seiner Möglichkeiten um Schadensbegrenzung. Weitzenkorns Haus wurde 1933 auf 40 000 Reichsmark taxiert. Die Stadt Korbach bot ihm im Jahre 1939 32 000 Reichsmark.

Siegmund Weitzenkorn brauchte aber 35 000 Reichsmark, damit er mit seiner Familie auswandern konnte und seine Schwester Hedwig versorgt wusste. Der Versuch, sein Eigentum zu einem anständigen Preis zu verkaufen, scheiterte.

 Weitzenkorn Siegmund

 

Grundbesitz durfte ab dem 03.12.1938 nur noch zu staatlich festgesetzten Preisen, also mit hohem Verlust, verkauft werden, Wertsachen wiederum nur an den Staat. Eine beabsichtigte Aus-wanderung wurde somit unmöglich gemacht, da selbst vermögende Juden so schnell verarmten, dass das Geld zur Auswanderung fehlte.

 

Siegmund Weitzenkorn. Das Bild entstand vermutlich zwischen 1914 und 1921.

 

 

Es kam aber noch schlimmer. Nach der Pogromnacht 1938 wurde der Adoptivtochter Marianne Weitzenkorn, geb. 1928, ein weiterer Besuch der Korbacher Grundschule verwehrt. Mit Erlass vom 18.11.1938 wurden alle jüdischen Schulkinder der öffentlichen Schulen verwiesen.

 

Angeblich – hieß es damals – könne es nichtjüdischen Schülern nicht zugemutet werden, mit Juden gemeinsam unterrichtet zu werden. Auch nichtjüdischen Lehrern sei es nicht zuzumuten, Juden zu unterrichten.

Entfernung jüd

Waldeckische Landes Zeitung, 15. November 1938

Eine Odyssee von Schulbesuchen folgte: jüdische Schule Kassel, Große Rosenstraße 22, jüdische Schule in Detmold, Gartenstraße 6.

Ebenso erging es der Korbacher jüdischen Schülerin Gertrud Lebensbaum, die mit ihren Eltern in der Hagenstraße 12 lebte und Mariannes Weggefährtin werden sollte.

Über die Verhältnisse in Detmold berichtet Mariannes und Gertruds Mitschülerin Ruth Margalith:

„In der jüdischen Schule gab es nun fast täglich neue Überraschungen. Fenster wurden zerschlagen, ein Judenstern wurde mit Teer an die Wand geschmiert, Gymnasiasten passten uns ab, um uns zu schlagen. […] Wir hatten kaum noch etwas zu essen, denn seit Kriesgbeginn gab es Lebensmittelkarten, und wir Juden bekamen nur die Hälfte. Jede Marke war mit „Jude“ abgestempelt, und wer uns nichts verkaufen wollte, war im vollen Recht.“

Mit dem Erlass vom 30. April 1939 hatten jüdische Bürger ihre Wohnungen und Häuser zu verlassen und wurden in so genannte Judenhäuser eingewiesen, in denen sie unter höchst beengten Verhältnissen leben mussten. Im Dezember 1940 zog das Ehepaar Weitzenkorn in die Lengefelder Straße 11, wo es bei der jüdischen Familie Katz wohnte.

Es war eine schreckliche Zeit, aber man kann es nicht vergleichen mit dem, was dann kam. Der Albtraum des Holocaust nahm in seinen verschiedenen brutalen Formen für die Familie Weitzenkorn Gestalt an.

Mariannes Eltern wurden – laut Meldekarteikarte - im September 1941 nach Wrexen deportiert, einer Sammelstelle für Juden des Waldecker Raums. Von dort wurde das Ehepaar Siegmund und Toni Weitzenkorn am 17. Oktober 1941 als Gestapo-Gefangene (Geheime Staatspolizei) in das Arbeitserziehungslager Breitenau bei Guxhagen verschleppt.

Anschließend wurde Siegmund Weitzenkorn (8. Dezember 1941) in das Konzentrationslager Sachsenhausen/Oranienburg deportiert, das er nicht mehr lebend verlassen sollte.

Keine sechs Wochen später - am 18. Januar 1942 - war Siegmund Weitzenkorn tot. Auf der Einwohnermeldekarteikarte der Stadt Korbach findet sich die handschriftliche Notiz: „am 18.1.42 verstorben nc [nach]  Mittlg. [Mitteilung] der Geheimen Staatspolizei Kassel“.

 

Weitzenkorn Bemerkung

 

Die Mutter wurde vom Arbeitserziehungslager Breitenau zunächst in das Frauenlager Ravensbrück verschleppt. Später transportierten die Nazis sie von dort nach Auschwitz, wo sie am 14. Oktober 1942 - vermutlich in den Gaskammern - den Tod fand. Marianne war zu diesem Zeitpunkt 13 Jahre alt.

 

Auf sich allein gestellt - bei der jüdischen Familie Lebensbaum untergekommen - nahm Marianne die Urne mit der Asche ihres verstorbenen Vaters in Korbach entgegen. Die Beisetzung ihres Vaters musste in aller Zurückgezogenheit auf dem jüdischen Friedhof geschehen.

Marianne wurde mit der Schwester ihres Vaters und weiteren Korbacher Juden (u.a. der Familie Lebensbaum) am 7. September 1942 mit dem dritten und letzten Transport in das Konzentrationslager Theresienstadt (Tschechien) deportiert.

Seit Juli 1942 gab es in Korbach keine Juden mehr. Ihre Spuren führen in die Vernichtungs- und Konzentrationslager im Osten. Am 8. September 1942 wurde im Ghetto Theresienstadt der Transport von insgesamt 884 Personen (allein 753 Personen aus dem Regierungsbezirk Kassel) registriert.

Völlige Entmenschlichung begann. Die Konfrontation mit dem Tod war allgegenwärtig, Angst war ihr steter Begleiter. Bis zum Ende des Jahres war bereits jeder fünfte Deportierte aus der Region Kassel tot. Sie starben an Entkräftung, Hunger, physischer Tortur und gezielter Vernachlässigung. Mariannes Tante Hedwig  verstarb am 20. November 1943.

Für viele stellte Theresienstadt jedoch nur eine erste Etappe auf einem nicht enden wollenden Leidensweg dar. So wurden allein im Herbst 1944 von Theresienstadt aus einhundert Menschen des Regierungsbezirks Kassel in die Gaskammern von Auschwitz deportiert. Mit der Deportation des Ehepaars Weitzenkorn eignete sich der Regierungsbezirk Kassel widerrechtlich den Besitz der Familie an.

Nur sieben Korbacher Juden kehrten zurück. Unter ihnen war auch die nunmehr 16-jährige Waise Marianne Weitzenkorn, für die eine weitere Zukunft in Deutschland unvorstellbar war. Nach Auflösung des Konzentrationslagers Theresienstadt war sie nur noch  zwischen Juli 1945  und Juli 1946 kurz in Korbach, in der Hagenstr. 12.

Sie emigrierte Ende 1946 in die USA. Nachdem sie ihr rechtmäßiges Eigentum zurückerhalten hatte, verkaufte sie ihr Elternhaus 1951 an die jüdischen Brüder Alfred und Siegfried Kaufmann, die neben Marianne zu den wenigen Korbacher Überlebenden des Holocaust zählten.

WeitzenkornMarianne1946

Marianne Weitzenkorn kurz vor  ihrer  Emigration  in die Vereinigten  Staaten, Frankfurt a. M. 1946

Marianne hat nach dem Verkauf ihres Elternhauses nie wieder deutschen Boden betreten. Die Geschehnisse während des Nationalsozialismus sowie beschämende Ereignisse nach ihrer Rückkehr aus Theresienstadt ließen diesen Entschluss reifen.

Marianne Weitzenkorn (verheiratete Schindelheim) verstarb am 7. September 1992 in New Jersey nach schwerer Krankheit.

 

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