Villa Peterhof

(Instrumentalisierung und Ideologisierung)

Villa Peterhof

Im Jahre 1905 ließ der Fabrikant und spätere Kommerzienrat Louis Peter (1841 – 1921) in der Nähe der Hauer den für die Region prunkvollen „Peterhof“ (Petervilla) errichten. Nach dem Tod Louis Peters musste die Petervilla einer neuen Verwendung zugeführt werden. Ab 1932 avancierte sie zu einer imposanten Kulisse nationalsozialistischer Selbstinszenierung und Indoktrination.

In den angemieteten Räumen der Petervilla hatten SA (Sturmabteilung), BDM (Bund Deutscher Mädel), HJ (Hitlerjugend) und JV (Jungvolk) zunächst ihre „Pflicht- und Übungsräume“.

Die Korbacher HJ-Gliederungen trafen sich zwei- bis dreimal in der Woche zu Heimnachmittagen und –abenden, Sportveranstaltungen, Bastelstunden oder sonstigen Aktivitäten.

In einem dazugehörigen Gewächshaus der Petervilla wurden u.a. HJ-Lieder gesungen, Parolen gelernt, Vorträge angehört, Veranstaltungen geplant, es wurde gespielt, gebastelt, oder auf der angrenzenden Hauer und anderen Freiflächen Sport getrieben.
Für viele Mitglieder versprach die Hitlerjugend Modernität und Zukunftszugewandtheit, ermöglichte freiere Beziehungen und mehr Unabhängigkeit vom Elternhaus. Einer scheinbar schützenden Gemeinschaft anzugehören, vermittelte ein Gefühl der Stärke.

NS-Organisationen galten wie überall auch sonst als probates Mittel, Massen zu mobilisieren und zu binden. Entsprechende Unterorganisationen wie SA-Kapelle, die Flieger- und Motor-HJ komplettierten das Angebot. Die Bandbreite der Organisationen war so vielfältig, dass jeder Deutsche erfasst werden konnte.

In der Petervilla richtete die NS-Frauenschaft zusätzlich eine Sammelstelle ein, die von hier aus Kleidung und Lebensmittel an sozial schwache Bürger verteilte. Propagandistisch eine geschickte Art, „Volksgenossen“ zu gewinnen. Darüber hinaus wurde der Peterhof für Propagandaveranstaltungen und als Treffpunkt genutzt.

 

 

 

 

 

Anzeige in der Waldeckischen Landes=Zeitung vom 21.03.1933

 

 

Die Waldeckische Landes Zeitung berichtet 1933 im Regionalteil:

„Corbach, 1. Febr. [1933]  Kundgebung. Am gestrigen Abend veranstaltete die NSDAP. und der Stahlhelm aus Anlaß der Bildung des Kabinetts Hitler [Machtübernahme] einen Fackelzug durch die Straßen der Stadt. Diese Veranstaltung gestaltete sich zu einer imposanten Kundgebung. Die Straßen, durch die die Kolonnen zogen, waren schon lange vorher dicht von Menschen umsäumt. Besonders am Berndorfertorplatz und bei Bracks Kump hatten sich zahlreiche Zuschauer eingefunden. Die einzelnen Abteilungen sammelten sich am Peterhof. Gegen ¾ 8 Uhr setzte sich der Zug unter den Marschklängen der Röderschen Kapelle in Bewegung. Drei Hakenkreuzbanner flatterten den Abteilungen voran. Weit über 200 uniformierte SS.- SA.- und HJ.-Mannschaften, eine Abteilung Stahlhelm und zahllreiche Parteigänger in Zivil beteiligten sich an dem Fackelzug.“

Im Winter 1932/33 übernahm die NS(Nationalsozialistische)-Frauenschaft eine für bedürftige Kinder und arbeitslose SA-Männer eingerichtete Winterhilfsküche. In Konkurrenz zur städtischen Tafel der Stadt Korbach wurde am 17. Oktober 1932 die „erste NS-Küche Waldecks“ eröffnet, durch die die Nationalsozialisten ihr Image außerhalb der NS-Anhängerschaft zu erhöhen versuchten.

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Parteigenossen vor der Petervilla

Die parteipolitischen Interessen waren höchst durchsichtig, so dass sogar der damalige Bürgermeister Dr. Zimmermann in der Waldeckischen Landes=Zeitung von einer „Parteisuppe“ sprach, die dort verabreicht würde, immerhin bestand bereits eine städtische Hilfsküche. In der Villa Peterhof wurden unter der Regie der NS-Frauenschaft täglich rund 75 Mittagessen ausgegeben. Im Ortsgruppenbuch der NSDAP Korbach werden entsprechende Ereignisse wie folgt dargestellt:

NS-Küche-Kinder

NS-Küche in der Petervilla

„Die erste NS-Küche Waldecks wurde durch die [NSDAP-]Ortsgruppe Korbach in der Villa Peterhof eröffnet. Unter der Leitung von Frau Busold, der ein Stab sach- und fachkundiger Helferinnen zur Seite stand, wurden täglich rund 75 Portionen Mittagessen ausgegeben […]. Da saßen die Kinder von Kommunisten und Sozialdemokraten […] an gemeinsamen Mittagstisch mit solchen, deren Eltern der NSDAP nahestanden oder angehörten. Eine starke SA-Wache sorgte für den Schutz der Küche; sodaß es der roten Gesellschaft verging, etwas zu unternehmen. Selbstverständlich war die Küche den Gegnern ein Dorn im Auge, und es gehört schon zur Geschichte der Ortsgruppe Korbach, daß sich auch der Bürgermeister […] gar nicht mit der NS-Küche befreunden wollte.“

Im Jahre 1936 erwarb der Gutsbesitzer Fritz Hartwig (Thalitter) die Villa mit dazugehörigem Grundstück von den Peterschen Erben. Mit veränderten Eigentumsrechten wandelten sich auch die Nutzungsrechte. Bis zum Umzug der NS-Gliederungen und ihrer Unterorganisationen ins NSDAP-Kreishaus (heute Verwaltungsgebäude der Continental AG und ContiTech GmbH) Mitte 1937 fanden in den angemieteten Räumen der Villa Peterhof, in der sich auch Räume der SA und NS-Frauenschaft befanden, BDM-, HJ- und JV-Treffen statt.

Später wurde ein HJ-Heim in der Prof.-Kümmell-Str. 13 eingerichtet.

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Villa Peterhof 1902 Gartenansicht

Die Erfassung der Bevölkerung in Gliederungen der NS-Bewegung wurde von der Korbacher Bevölkerung scheinbar ohne nennenswerte Kritik hingenommen, denn die Organisationen ließen bei den meisten Bürgern ein Gemeinschaftsgefühl aufkommen. Nur wenige Korbacher Bürger erkannten frühzeitig die wirklichen Hintergründe der NS-Politik und setzten sich kritisch mit ihr auseinander.

 

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