„Waldecker Sturmhaus“

(Geschäftsstelle der NSDAP/Vertrieb „Nationalsozialistischer Gebrauchsgegenstände“)

Klein und unscheinbar stand das mit dunklem Schiefer verkleidete Haus im Schatten der Kilianskirche, das für mehrere Jahre als Dienststelle der NSDAP Blicke auf sich ziehen sollte.

Waldecker Sturmhaus + NSDAP AnzeigeDienststelle-der-NSDAP-gut

links: Anzeigen vom 09.06.1933, Waldeckische Landes-Zeitung
rechts: „Waldecker Sturmhaus“ 1932, NSDAP-Dienststelle

 

                   

Stechbahn 17 – zunächst hatte diese Adresse nur für wenige Korbacher eine besondere politische Bedeutung. Bis 1931 boten die Schaufenster der unteren Etage des Gebäudes, welche sich zum Marktplatz hin wandten, verschiedenen Geschäften Platz, wie einem Orthopädie- und  Hutgeschäft.

Zur linken Seite des Gebäudes grenzte der Blumen- und Gemüsegarten der Familie Nieschalk an. Albert Nieschalk, NSDAP-Propagandawart, später Ortspropagandaleiter, bekannte sich recht früh zu den Ideen des Nationalsozialismus.
In Fortsetzung antisemitischer Propaganda hatte die Ortsgruppe der Nationalsozialistischen Deutsche Arbeiterpartei nach seinen Bildentwürfen besonders geschmacklose judenfeindliche Schilder anfertigen lassen, die 1935 an Korbacher Stadteingängen Aufstellung fanden.

Nachdem 1927 die erste nationalsozialistische Versammlung in Korbach stattgefunden hatte, konnte die NSDAP mit Bauer Karl Kramer aus Lelbach ihren ersten Korbacher Parteigenossen begrüßen. Zu ihm gesellten sich neben seinem Sohn im Jahre 1928 zehn weitere Mitglieder. Das Fundament der Ortsgruppe Korbach war damit gelegt.

1929 hatte die Ortsgruppe bereits erste Zuwächse zu verzeichnen. Acht Mitglieder des 1927 verbotenen Wikingbundes waren der NSDAP beigetreten, die den Grundstein für den Aufbau der Korbacher SA legten. Der Wikingbund war ein antidemokratischer, verfassungsfeindlicher, militärischer und völkischer Verband, der aus der Femeorganisation „Organisation Consul“ (Verantwortlich für die Ermordung Erzbergers und Rathenaus) hervorgegangen war. Nach dem Verbot gingen viele seiner Mitglieder zur NSDAP über. Bereits 1932 bekannten sich 61% der Waldecker Bürger zum Nationalsozialismus.

Aufgrund des rasanten Zuwachses stellten sich die Verwaltung und Organisation der Partei als immer komplizierter dar, so dass sich die Suche nach einem „Hauptquartier“ als Notwendigkeit erwies. Fündig wurde man im Haus der Stechbahn 17, welches 1931 von der Familie Büchsenschütz erworben worden war. Vor allem die zentrale Lage bot ein probates Mittel der Propagandaverbreitung.

Das „Sturmhaus“ oder auch „Stürmerhaus“, das seinen Namen der SA (Sturmabteilung, der Kampftruppe der NSDAP) verdankte, wurde 1932 zur zentralen Geschäfts- und Anlaufsstelle für Parteimitglieder und Interessenten. Neue Aufgaben schufen Beschäftigungsmöglichkeiten für erwerbslose Parteigenossen. Über das „Waldeckische Sturmhaus“ in den Analen des NSDAP-Ortsgruppenbuches findet man folgende Eintragung:

„Schon im Sommer 1932 war die Geschäftsstelle in das Haus Büchsenschütz, Stechbahn verlegt worden. Verbunden war  mit der Geschäftsstelle ein parteieigener Ausrüstungsladen, der der Ortsgruppe die notwendigen Mittel für die Propaganda lieferte.“

Als Geschäftsführer und Eigentümer fungierte zwischen 1932 und 1933 der Korbacher  NSDAP-Ortsgruppenleiter Heinrich Casselmann, der 1933 die Leitung Fräulein E. Luft übertrug.

Zum Aufgabenbereich zählten neben der Datenverwaltung vor allem der ständige Informationsaustausch und Kontakt zur Kreisleitung Waldeck, die wiederum der Gauleitung Kurhessen unterstand. Auch die ausführlichen Berichte über das Parteileben wurden dort verfasst und gemeinsam mit Fotografien im Ortsgruppenbuch der NSDAP festgehalten. Im „Sturmhaus“ wurde ebenfalls der Finanzhaushalt geregelt, beziehungsweise wurden finanzielle Geschäfte abgewickelt und wichtige Versammlungen im kleineren Rahmen abgehalten.

Sturmhaus Stechbahn Büchsenschütz

Am rechten Bildrand erkennt man das spätere „Waldeckische Sturmhaus“. Die Aufnahme entstand um 1930. Eigentümer war zu diesem Zeitpunkt der  Kürschnermeister Fr. A. Ockel, der das Haus 1931 an W. Büchsenschütz verkaufte. Das Haus wurde Ende der 80er Jahre abgerissen. Heute ist das Grundstück Teil des Wolfgang-Bonhage-Museums.

Neben den formalen Aufgaben widmete sich die Zentrale der Organisation breit gefächerter Freizeitangebote, welche durchaus propagandistische Hintergedanken aufwiesen.

Zum Angebotsrepertoire gehörten unter anderem die Planung und Ausführung von Tanzveranstaltungen und Ausflüge ins Grüne oder in kulturelle Metropolen wie Mainz, Düsseldorf oder zum Hessentag.
Gleichfalls gern gesehen waren Filmabende. Termine, Einladungen und Anträge zu besagten Anlässen gingen von der Zentrale in der Stechbahn aus.

Waldecker Sturmhaus Eintrittskarten

Anzeige anlässlich des 5-jährigen Bestehens der Ortsgruppe der NSDAP-Korbach,
Waldeckische Landes=Zeitung vom 09.06.1933

Besonders auffällig war die ständige Beflaggung des „Waldeckischen Sturmhauses“, die das Gebäude von den anderen abhob. Vor allem die Schaufensterdekoration lockte viele neugierige Bürger und vor allem Kinder an, welche mit großen, staunenden Augen vor dem Fensterglas standen. Erhältlich waren nicht nur entsprechende „Uniform“-Hemden, Stiefelhosen, Koppel (Gürtel) mit  Schulterriemen, Binder und Armbinden, sondern auch allerlei NS-Artikel wie Hakenkreuzfahnen.

Nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler 1933 konnte man auch Kleidungszubehör der  HJ-Organisationen (Hitlerjugend) und des BDM (Bund Deutscher Mädel) hier erwerben, wozu auch kleine Artikel wie Tücher, Pins (Anstecker) und Kappen zählten.

Neben Hitlers „Mein Kampf“ lag Informationsmaterial mit den Ideen und Zielen der NSDAP und deren Organisationen wie „Kraft durch Freude“ (Freizeitangebote) aus.

Das Sturmhaus hatte wichtige Funktionen im Wahlkampf. Die Hauswände waren mit großen Propagandasprüchen versehen, während auf der Straße kleine Hakenkreuz-Fähnchen und Plaketten an Passanten verteilt wurden, die zum größten Teil begeistert entgegengenommen wurden.

Regelrechte Klebekolonnen planten Routen von der Verwaltungszentrale aus und plakatierten die Stadt. Aus dem Inneren des Gebäudes schallten oft Hitlers eindringliche Reden bis auf die Straße. 

Wer vor der Geschäftsstelle der NSDAP Hitlers Politik und Ideologie in Frage stellte,  konnte bereits wegen „groben Unfugs“ zur Verantwortung gezogen werden.

Die Propaganda zeigte durchaus ihre Wirkung. Bei nur rund 7.400 Einwohnern des Jahres 1937 hatte die Korbacher NSDAP nach Aufhebung der Parteieintrittssperre die Zahl von 1.000 überschritten.
1934 wurde die NSDAP-Geschäftsstelle zunächst in die Bunsenstraße 1 und im Sommer 1937 gemeinsam mit der Kreisleitung der NSDAP sowie allen angeschlossenen Verbänden – als weiteres Indiz zunehmenden Machteinflusses und verstärkter Machtdemonstration - in das imposante Verwaltungsgebäude der Continentalwerke (heute Continentalstraße 1-3) verlegt.

Das Sturmhaus wurde am Ende der 1980er Jahre abgerissen, um dem modernen Bau des Stadtmuseums Platz zu schaffen. Das angrenzende Fachwerkhaus der  Familie Nieschalk wurde in den Gebäudekomplex integriert. Wer genau hinschaut, entdeckt es noch heute.

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Wolfgang-Bonhage-Museum 2008.

 

Etwa in der Bildmitte befand sich das
„Waldecker Sturmhaus“. 

Copyright © Marion Lilienthal

Technische Realisierung: Anne Kersting