Ludwig Mosheim

(Arisierung)

Schritt für Schritt versuchte man nach der Machtübernahme (30. Januar 1933) jüdische Bürger aus allen Lebensbereichen zu verdrängen und spätestens ab 1935 jüdische Geschäftsleute systematisch aus dem Wirtschaftsleben auszuschließen.

Die Ratsherrn der Stadt Korbach und die Gemeinderäte der zur Ortsgruppe gehörigen Dörfer legten im Juli 1935 fest, dass zu Aufträgen der Gemeinden nur noch solche Handwerker herangezogen werden durften, die grundsätzlich Geschäfte mit Juden nicht mehr tätigten. Im Falle von Zuwiderhandlungen wurden öffentlich Repressalien angedroht.

Die Meineringhäuser Dorfchronik vermittelt einen Eindruck von der Wirkungsweise:

„Ein hiesiger Schreiner hatte Schrauben und Scharniere für einen Schrank bei Mosheim in Korbach gekauft. Doch Mosheim, dem übrigens das Eiserne Kreuz im Ersten Weltkrieg verliehen worden war, war Jude, und in 1934 durfte keiner mehr bei einem Juden einkaufen. Die Schreinerei wurde daraufhin von der Obrigkeit sofort geschlossen.“

 

 

Geschäftsanzeige Mosheim

  
Eisenwarenhandlung Sally Mosheim
Professor-Kümmell-Straße 15, heute
Rathausvorplatz

 Mosheim Rathaus 1930 
Damit wurde unweigerlich der Druck auf die nichtjüdische Bevölkerung erhöht und jüdischen Geschäftsleuten jegliche Lebensgrundlage entzogen. 1938 mussten auch die Brüder Mosheim ihr Geschäft aufgeben.
     
Ludwig Mosheim heiratete 1922 Feodore Behrendt. Sie bezogen das elterliche Haus in der Professor-Kümmell-Straße 15, in der sich auch die Baustoff- und Eisenwarenhandlung befand. Neben seiner kaufmännischen Tätigkeit war er Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Korbach.

Durch die unmittelbar nach der Pogromnacht (9./10.11.1938) erlassene „Verordnung zur Ausschaltung der deutschen Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“ vom 12. November 1938 erfolgte die Vernichtung ihrer wirtschaftlichen Existenzgrundlage.

Im Zuge der so genannten Arisierung verloren Korbacher Juden aber nicht nur ihre Geschäfte, sondern zum Teil auch noch ihren Hausbesitz. Mit Verordnung  vom 3. Dezember 1938 waren alle Juden verpflichtet, ihre Betriebe zu verkaufen.

Mosheim Stechbahn 1937-38  Blick auf das Mosheimsche Haus

 

Jüdische Geschäfte wurden geschlossen und nicht emigrierte Korbacher Juden - zum Zeitpunkt der Pogromnacht waren es noch 54 Bürger (Verwaltungsbericht der Stadt Korbach) - wurden auf wenige Häuser konzentriert.

Zunächst musste Ludwig sein geliebtes Elternhaus in der Professor-Kümmell-Straße 15 aufgeben und zu seinem Bruder in das Haus Nr. 13 umziehen. Ludwig wurde am 26. September 1941 mit seiner Frau zunächst nach Wrexen, einer ersten Sammelstelle für Juden aus dem Waldecker Raum, deportiert.

Drei Monate später musste auch Bruder Edmund sein Heim aufgeben und in das so genannte „Judenhaus“ der Kirchstraße 13 ziehen.

Für die Häuser der beiden Brüder Mosheim in der Prof.-Kümmell-Straße 13 und 15 gibt es Unterlagen, anhand derer sich der juristische Ablauf der „Arisierung“ rekonstruieren lässt. In Anwesenheit eines zur Beurkundung bestellten Beamten wurde im Oktober 1941 zwischen der Stadt Korbach und den Brüdern Mosheim ein Kaufvertrag über das Haus und das Grundstück Professor-Kümmell-Straße 15 abgeschlossen.

 Mosheim Ludwig fronal

Die Kaufsumme wurde auf ein Sperrkonto einer Devisenbank überwiesen, über das nur mit Genehmigung der zuständigen Devisenstelle beim Oberfinanzpräsidenten in Kassel verfügt werden konnte. Am gleichen Tag „erwarb“ der Landkreis unter den gleichen Bedingungen das Haus und Grundstück in der Professor-Kümmell-Straße 13.

Details bleiben offen, man weiß aber, dass zum Zeitpunkt der Unterzeichnung des Kaufvertrages Ludwig mit seiner Frau bereits in Wrexen, einer Sammelstelle für Juden aus dem Waldecker Raum, „interniert“ war, da dieser „Wohnort“ auf dem Kaufvertrag angegeben ist.

 

Ludwig  Mosheim

 

 

 

 

Die Brüder Mosheim mussten infolge der so genannten „Arisierung“ oder - wie man damals auch sagte - „Entjudung“ ihr Eigentum zu einem Spottpreis verkaufen.

1941 wurde in der Professor-Kümmell-Straße 13 u.a. eine Reichsspinnstoffstelle eingerichtet. An der Hauswand lehnten Plakate mit der Aufforderung: „Gebt alle! Wir sammeln!“. Wer sammelte für die jüdische Bevölkerung?

Sammelstelle-Spinnstoff

Reichsspinnstoff-Sammelstelle in Korbach, August 1941

Aber wie müssen sich die Brüder Mosheim gefühlt haben, als sie aufgrund ihrer finanziellen Notlage die Hitlerjugend in ihrem Haus beherbergen mussten? Diese nutzte zunächst nur einzelne Räume, später wurde das Gebäude in der Professor-Kümmell-Str. 13 zum HJ-Heim umfunktioniert.

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„Schwarzes Brett der NSDAP“, Waldeckische Landes=Zeitung vom 10.09.1941

 

 

 

 

 

Dass die Treffen im HJ-Heim nicht nur friedlich und in Eintracht verliefen, bezeugen die vielen Berichte der Stadtverwaltung und die Beschwerdeschreiben an die „Bannführung“ der Hitlerjugend.

„Über die Benutzung des H.[J.]-Heimes machte mir Frau Mitze am Sonnabend, den 20. ds. Mts. [März 1943] folgende Mitteilung:

  1. Einzelne Führer der H.J. haben sich Ersatzschlüssel beschafft,    

sodass eine Kontrolle in der Benutzung der Räume durch den Hausmeister nicht mehr möglich ist. Ohne Beachtung des Benutzungsplans gehen einzelne Gruppen im Haus ein und aus, wie es ihnen passt.

  1. Im Erdgeschoss ist in Ermangelung eines Schlüssels eine Tür aufgebrochen und die Türkrampe provisorisch wieder eingesetzt.

[…]
4.)  Im Raum Nr. 6 werden Schiessübungen abgehalten. Die Wände sind durch die Bleigeschosse beschädigt. Ein Verbot für eine derartige Benutzung ist notwendig.
[…]

  1. Am Mittwoch Abend vergangener Woche wurde der Raum 6 […] benutzt. Zum Schluss fand eine grosse Rauferei statt und wurde einer der Beteiligten an den Beinen die Treppe herunter geschliffen.“

1941 wird Reinhard Heydrich beauftragt, „alle erforderlichen Vorbereitungen für eine Gesamtlösung der Judenfrage […] zu treffen“, das heißt zur physischen Vernichtung der jüdischen Menschen.

Erste Deportationen begannen in Korbach im September 1941. 14 Personen wurden zunächst nach Wrexen deportiert, unter ihnen auch Ludwig und Feodore Mosheim. 12 von ihnen wurden 1942 von Wrexen über Kassel u.a. nach Treblinka (Polen), Theresienstadt (Tschechien) oder mit „Ziel unbekannt“ verschleppt.

Die Spuren der Brüder Mosheim und ihrer Ehefrauen verlieren sich in den Konzentrationslagern von Theresienstadt und Auschwitz oder gelten als „im Osten verschollen“, nachdem man sich ihres Eigentums bemächtigt hatte.

Ludwig starb im Konzentrationslager  Izbica / Sobibor, seine Frau Feodora ebenfalls. Edmund und Henriette Mosheim wurden 1944 über Theresienstadt in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Ihr Schicksal endete am 09. Oktober 1944 in den Gaskammern von Auschwitz.

 

Die Spuren der Familie Mosheim scheinen heute ausgelöscht. Beide Häuser mussten Anfang der 70er Jahre der Rathausneugestaltung des Vorplatzes weichen.

 

Rathaus mit Anbau um 1973

  

Professor-Kümmell 13 und 15

   

Rechts vom Rathausturm befanden sich die Häuser Professor-Kümmell-Str. 13 und Professor-Kümmell-Str.15, die seit 1882 (re. Haus) und 1897 im Besitz der Familie Sally Mosheims (Baustoff- und Eisenwarenhandlung) waren.

Rathaus um 1975      

Rathaus mit Vorplatz, um 1975

 

Berichte aus WLZ: 30.05.2008

 

 

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