Edmund Mosheim

Artikel von Andreas Hermann in der HNA vom 27. Januar 2015

(Verfolgung und Ausplünderung im Sinne der„Reichsfluchtsteuer“)

verfasst von Marion Lilienthal

 1919 forderte  Hitler die „Entfernung“ der Juden aus Deutschland. Vormals wohl eher als Ausweisung und Auswanderung verstanden, erwog er in seinem Machwerk „Mein Kampf“ unmissverständlich die Ausrottung der Juden. So erstaunt es nicht, dass er 1934 die Notwendigkeit sah, „eine Technik der Entvölkerung zu entwickeln, um Millionen einer minderwertigen, sich wie das Ungeziefer vermehrenden Rasse zu beseitigen!“. Die 1941 beschlossene „Endlösung“ stellt in der Konsequenz die Realisierung eines lang gehegten Zieles dar und bedeutete die systematische Ermordung Millionen europäischer Juden.

Mit der Machtübernahme 1933 beschränkte er sich zunächst auf zwei Ziele: Die Auswanderung möglichst vieler Juden durch Repressalien zu erwirken und den verbleibenden Teil zu deklassieren und zu entrechten.

Die Spuren der Familie Mosheim scheinen heute ausgelöscht. Die Häuser der Gebrüder befanden sich in der Professor-Kümmell-Str. 13 und 15. Beide Häuser mussten Anfang der 70er Jahre der Rathaus- und Rathausvorplatzumgestaltung weichen.

Professor-Kümmell 13 und 15   

Rechts vorm Rathausturm die Häuser Professor-Kümmell-Str. 13 und 15, die seit 1882  (re. Haus) und 1897 im Besitz der Familie Sally Mosheims (Baustoff- und Eisenwarenhandlung) waren.

 

 

 

 

 

Am 5. November 1883 wurde Edmund Mosheim als erstes Kind des Kaufmannes und Inhabers des Eisenwarengeschäftes Sally Mosheim in Korbach geboren. Es folgten die Geschwister Paula, Carl, der 1905 in die USA emigrierte, und sein jüngster Bruder Ludwig. Edmund besuchte zwischen 1893-1900 das „Fürstlich Waldecksche Gymnasium zu Corbach“ (ab 1.1.1938 „Alte Landesschule“), wie später auch seine beiden Brüder. Die Familie Mosheim erlangte bereits 1850 als dritte jüdische Familie das Bürgerrecht der Stadt Korbach.

Am 3.07.1914 heiratete Edmund Henriette Gompertz, nahm am Ersten Weltkrieg als Feldwebel teil, bekam das Eiserne Kreuz 1. Klasse sowie den Waldeckischen Verdienstorden. Als Schwerkriegsbeschädigter (Lungenschuss) kehrte er nach dem Ersten Weltkrieg in seine Heimat zurück.

Das Paar bekam drei Kinder: 1915 Elionore, die 1922 verstarb, 1920 Ruth und 1921 folgte Leopold. Wie der Vater besuchte auch der Sohn Leopold das Landesgymnasium (1933-1937/38). Bis zur Deportation im Juli 1942 bekleidete der Vater den Vorsitz der jüdischen Gemeinde.

Edmund Laura bzw Lore Mosheim

Edmund Mosheim leitete nach dem Tod seines Vaters (1922) gemeinsam mit seinem Bruder Ludwig die Baustoff- und Eisenwarenhandlung „Sally Mosheim“.

 

 

 

 

 

 

 

Edmund Mosheim mit Tochter Elionore vor dem Geschäft in der Prof.-Kümmell-Str. 15 (heute Rathausvorplatz)

 

1935 erreichte die Unterdrückung durch die „Nürnberger Gesetze“ einen weiteren Höhepunkt. Das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ vom 15. September stellte nun sogar zwischenmenschliche Kontakte zwischen Juden und Nichtjuden unter Strafe.

In dieser entwürdigenden, diskriminierenden und gewaltbereiten Atmosphäre mussten die jüdischen Bürger Korbachs leben. Ihre Kinder wurden schrittweise aus den Schulen verbannt, wie die beiden Kinder Edmund Mosheims. So mussten Leopold und sein jüdischer Klassenkamerad Ludwig Löwenstern - laut einem Bericht der damaligen Mitschülerin Rosemarie Jakobs (geb. Kohl) - das Landesgymnasium nach den Nürnberger Rassegesetzen verlassen.


Loepold Mosheim 1941 42

Ludwig verließ am 31.07.1936 die Schule, „um in einen gewerblichen Beruf einzutreten (Vorbereitung auf die Emigration) und Leopold mit dem Schuljahr 1937/38 (dem Erhalt der Obersekundareife, 30.09.1937). Im Juli 1938 emigrierte Leopold in die USA.

 

 

 

 

 

 

 

Leopold Mosheim, Winter 1941/42

Walter Zimmermann,  Sohn des ehemaligen Korbacher Bürgermeister Dr. Paul Zimmermann, berichtet 1963 in einem Schreiben an das „Klosterglöckchen“ über Edmund Mosheim:

 „Nach der „Kristallnacht“ [9./10.11.1938] bat mein Vater Edmund Mosheim zu nächtlicher Stunde ins Rathaus, um ihm zum erstenmal dringend nahezulegen, auszuwandern. Er lehnte glatt ab mit der Erklärung, er sei Deutscher, Waldecker, Korbacher. […] Er wolle sein Geschäft aufgeben, nur einen Garten behalten, zurückgezogen leben, um schließlich in seiner Vaterstadt zu sterben [….].“

 „Weitere Mahnungen folgten. Endlich […] erkannte Mosheim, er müsse auswandern, wenn er sein Leben retten wolle. Er entrichtete die „Reichsfluchtsteuer“.. 
Freunde leiteten seine Auswanderung in einen südamerikanischen  Staat in die Wege. Aber es war zu spät. Ein Funkspruch Himmlers verschloß allen in Deutschland verbliebenen Juden die Ausreise.“

Am 31.07.1941 wird Reinhard Heydrich beauftragt, „alle erforderlichen Vorbereitungen für eine Gesamtlösung der Judenfrage im deutschen Einflussbereich in Europa zu treffen“, das heißt zur physischen Vernichtung der jüdischen Bevölkerung. Die Deportation Korbacher Juden begann im September 1941 und fand auf tragische Weise im Juli 1942 ihren Abschluss. Korbach galt seit diesem Zeitpunkt im Nazijargon als „judenrein“.

Über den Abtransport Korbacher Juden berichtete der damalige Bürgermeister Dr. Zimmermann seinem Sohn:

„Korbacher Bürger sind Zeuge gewesen, als Edmund Mosheim im Juni [eigentlich Juli] 1942 mit Fußtritten in einen Wagen der Gestapo gestoßen und mit […] anderen Korbacher Schicksalsgenossen zunächst nach   [Kassel] geschafft worden ist. Dort begann in geschlossenen Waggons die Todesfahrt nach Theresienstadt, wo Edmund Mosheim und sein Bruder Ludwig mit ihren Frauen ermordet worden sind [Damals wusste man noch nicht, dass einige dann in die Tötungsanstalt Auschwitz verschleppt wurden].
Als Edmund Mosheim Opfer der ersten „Schutzhaft“-Welle geworden war, intervenierte mein Vater beim Ortsgruppenleiter Casselmann und wies diesen auf Mosheims Soldatendienste und schwere Kriegsverletzung hin. Casselmann‘s Antwort: ‚Umso besser, dann geht er vielleicht ein‘.“

Gleichzeitig bereitete der Oberfinanzpräsident in Kassel die Enteignung vor. Mit der rechtlichen Konstruktion der XI. Verordnung zum Reichsbürgergesetz wurde die zwangsweise Verschleppung nach Theresienstadt, Auschwitz oder Treblinka als Auslandsverlagerung deklariert, die es ermöglichte, den Deportationsopfern im Sinne der „Reichsfluchtsteuer“ ihren Besitz zu rauben. Aufgrund der „XI. Verordnung zum Reichsbürgergesetz“ vom 25. November 1941 verlor ein Deutscher jüdischen Glaubens die deutsche Staatsangehörigkeit, wenn er seinen Hauptwohnsitz ins Ausland verlagerte. Damit fiel aber auch automatisch sein Vermögen  an das Deutsche Reich.

 

Vor dem Abtransport (Sept. 1942) in die Konzentrationslager wurden die Betroffenen auf Wertgegenstände untersucht und ihrer letzten Habe beraubt. Akribisch wurde der Gesamterlös des eingezogenen Vermögens durch das Oberfinanzpräsidium Kassel vermerkt.

3-eingezogenes-Vermögen

Die Namen der Korbacher Edmund Mosheim (Nr. 40) und  Marianne Weitzenkorn (54) finden sich u.a. auf den Listen wieder. Vermerk: „Im September 1942 zwangsweise ausgesiedelt“.“ „Gesamterlös des eingezogenen Vermögens“ . „Dazu tritt ein Gesamterlös aus Verkauf von Hausrat pp. […]“.

Die Eheleute Edmund und Henriette Mosheim wurden am 16.7.1942 zunächst von Korbach nach Kassel und von dort in das Konzentrationslager Theresienstadt  deportiert. Der Transport wurde in Theresienstadt mit insgesamt 884 Personen (allein 753 Personen aus dem Regierungsbezirk Kassel) am 8. September 1942 registriert. Bis zum Ende des Jahres war bereits jeder fünfte Deportierte aus der Region Kassel tot. Sie starben an Entkräftung, Hunger, physischer Tortur und gezielter Vernachlässigung.

Für viele stellte Theresienstadt nur eine erste Etappe auf einem schrecklichen Leidensweg in die Vernichtungslager des Ostens dar. So wurden allein im Herbst 1944 von Theresienstadt aus einhundert Menschen des Regierungsbezirks Kassel in die Gaskammern von Auschwitz verbracht. Deportiert wurden am 9.10.1944 auch Edmund und Henriette.

Im „Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau“ vom 9. Oktober 1944 ist zu lesen: „Mit einem Transport des RSHA sind 1550 Juden aus dem Ghetto Theresienstadt eingetroffen. [...] In den Gaskammern des Krematoriums II werden 2000 jüdische Männer, Frauen und Kinder getötet. Sie sind mit den Transporten des RSHA aus Theresienstadt und aus Triest gekommen.“

Meldekarte Mosheim 1937

Mit der Verordnung vom 17. August 1938 erfolgte die Einführung der jüdischen Zwangsnamen „Sara“ bzw. „Israel“ (zum 1. Januar 1939). Neue Pässe mussten erstellt werden. Edmunds letzter Pass vom 17.01.1939 zeigt das brandmarkende „J“, den Abdruck seines rechten und linken Zeigefingers und den Zwangsvornamen „Israel“.

Man weiß, wann Edmund und Henriette in Auschwitz eintrafen, es war der 09. Oktober 1944, sicher ist, dass sie aufgrund ihres Alters und Edmunds Kriegsverletzung (Lungenschuss) das gleiche Schicksal ereilte. Nur dreieinhalb Monate trennten sie von der Befreiung des Vernichtungslagers am 27. Januars 1945 durch die Alliierten, dreieinhalb Monate, die sie nicht überlebten. Ihre Spuren verlieren sich im Oktober 1944 in Auschwitz.

Ruth Mosheim

Ruth Mosheim, Edmunds Tochter, konnte sich noch vor dem NS-Terror rechtzeitig in die USA retten und so dem Holocaust entrinnen. Sie entkam am 9.06.1938 nach Atlantic City/ South Illinois. Auf der „Auswanderungsliste der Korbacher Juden des Ortsgruppenbuches der NSDAP“ – das den einleitenden Satz trägt: „Seit dem Tage der Machtübernahme verließen das für die Juden ungastliche Korbach“ - findet sich der Hinweis, dass Ruth Mosheim glücklicher Weise am 15. April 1936 als Schülerin Korbach in Richtung Frankfurt a.M. verlassen hat .


Die Spuren der Brüder Edmund und Ludwig Mosheim scheinen heute ausgelöscht. Ihre Wohnhäuser wichen der Rathausumgestaltung, dennoch liegt es an uns, ob denn auch die tragischen Schicksale ihrer Bewohner in Vergessenheit geraten werden.

 

Heute erinnert eine Tafel am Rathaus (auf Iniatative Bürgermeister Friedrichs) an das Schicksal der Familie Mosheim.

Artikel aus der WLZ vom 17.12.2010

Artikel aus der HNA vom 17.12.2010:

Berichte aus WLZ: 30.05.2008

 

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